Archive for the ‘Schule und Erziehung’ Category

Kuschelpädagogik

Donnerstag, März 24th, 2016

Kuschelpädagogik ist out, die Forderung nach Autorität und Führung wird wieder laut. „Wenn du sie ihnen gibst, spüren alle, es ist gerecht (…) Diese Kinder sind gierig danach“ (Gilles Duhem, Sozialarbeiter in Berlin-Neukölln und Geschäftsführer bei Morus 14, einem Kiez-Unternehmen, das sich für Kultur, Bildung und gegen Jugendgewalt einsetzt), Tagesspiegel vom 17.11.2014.

Lehrer/Lehrerin, das Glück der Profession?

Donnerstag, März 24th, 2016

Kinder suchen „nach einem, der ihnen hilft, die Welt zu verstehen und Lust aufs Leben zu bekommen.“ Dieser Satz aus C&W vermittelt einen Blick auf den Lehrerberuf, den ich nach 40 Jahren Lehrerdasein, jetzt in Pension, voll und ganz unterschreiben kann,  der aber nicht offensichtlich ist. Junge Menschen suchen nach Vorbildern, nach Orientierung in einer immer fragmentierteren Welt. Gibt man ihnen diese Hilfen, stößt das  jedoch meist auf heftigen Widerstand. Das liegt vielleicht in der Natur der Sache, ist aber gerade für junge Lehrerinnen und Lehrer eine Herausforderung, oft auch eine Enttäuschung, der so genannte Praxisschock.

Der Frau-Müller-muss-weg-Film suggeriert schon allein vom Titel, was Lehrer bei der gegenwärtigen Elterngeneration erleben. Die Erwartungen sind sehr hoch, die Kooperationsbereitschaft sehr niedrig. Von Seiten der Schulverwaltungen ist kaum Unterstützung zu erwarten, im Gegenteil. Der tägliche Kampf mit einer jungen Generation, die immer weniger beziehungsfähig ist (Winterhoff), ermüdet und macht es zunehmend schwerer, diesem oft zitierten „schönsten Beruf“ positive Seiten abzuringen, zumal die Aufgaben und Anforderungen, die auf Lehrerinnen und Lehrern lasten, in den letzten beiden Jahrzehnten stetig zunahmen. Eine Reform jagte die andere.

23 Jahre pflegte ich einen Schüleraustausch zwischen meiner Berliner Gesamtschule und einem Collège in Frankreich. Vor Kurzem traf ich einen ehemaligen Schüler, der mir bestätigte, dass dieses Erlebnis zu einem der schönsten in seiner gesamten Schulzeit gehörte. Auch die beiden Schülerinnen, die mich fast ein ganzes Jahr nicht mehr grüßten, nachdem sie disziplinarische Konsequenzen aufgrund ihres Verhaltens zu tragen hatten und mir am Ende vor ihrer Entlassung aus der Schule sagten „Sie waren unser bester Lehrer“ werden diese für sie einschneidenden Erlebnisse sicher ihr ganzes Leben nicht vergessen. Es ist zu hoffen, dass sie auch Lehren daraus gezogen haben. Aber – gerade diese Begebenheit kostete mich unheimlich viel Kraft und Nerven. Das alles muss man wissen, wenn man sich heute für den Lehrerberuf entscheidet. Erfolge sieht man in diesem Beruf nur äußerst selten. Dass beispielsweise kaum ein Wochenende oder gar ein Abend zum Ausspannen, zur Regeneration zur Verfügung steht. Die viel zitierten Ferien gehen meist mit Korrekturen von Klausuren und Klassenarbeiten oder mit einer immer komplizierter gewordenen Notengebung drauf. „Das Glück der Profession“ zu beschwören, ist heute notwendiger denn je geworden, denn was die Heranwachsenden am meisten brauchen, sind verständnisvolle aber auch konsequente Lehrerinnen und Lehrer, die wiederum Entlastung und kooperative Eltern sowie Schulleitungen und Kolleginnen und Kollegen ganz dringend benötigen. Die rückläufigen Zahlen von Bewerbern für das Lehramt oder auch für den Schulleiter/die Schulleiterin sprechen eine deutliche Sprache. Alles zusammen genommen, ist der Lehrerberuf mit anderen Berufen schwer vergleichbar.

Es herrscht allenthalben immer noch eine Pädagogik des Sich-Behauptens („du lernst für dich selbst“), des Individualismus und eine pädagogische Praxis des „Vogel friss oder stirb“ vor allem in den Gymnasien. Die zunehmende Zahl von psychophysischen Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern sprechen eine deutliche Sprache. Von der Perspektive des Lehrers aus habe ich oft gehört: „Ich bin doch kein Sozialarbeiter, ich werde für das Unterrichten bezahlt“, obwohl im Schulgesetz die erzieherische Aufgabe des Lehrers verankert ist. In den Schulverwaltungen herrscht eine rein technokratische, ja maschinistisch-administrative Haltung den Schulen gegenüber vor (im Zuge der Sparmaßnahmen wurden immer mehr Aufgaben in die „Eigenverantwortlichkeit“ der Schulen gegeben): Evaluation (in Italien geht das so weit, dass die Lehrerinnen und Lehrer von den Kolleginnen und Kollegen der eigenen Schule beurteilt werden; „den Krieg in der Schule zu entfachen geht nicht“ war der Kommentar eines italienischen Erziehungswissenschaftlers; in Deutschland werden die Schulen untereinander verglichen,  was grober Unfug ist), Qualitätsentwicklung, -Sicherung und -Management stehen im Vordergrund. Die Qualität des eigenen Unterrichts zu verbessern, dieses Ziel hat sicherlich jeder verantwortungsvoll unterrichtende Lehrer/in. Er/sie sucht sich die dazu geeigneten Instrumente, deren es sehr viele und von Fach zu Fach unterschiedliche gibt, die nicht von oben herab diktiert werden sollten. Termini und Praxis aus dem Wirtschaftsmanagement (einiges, was im vergangenen Jahrzehnt von den Schulämtern ungeschickter- und unglücklicherweise auf den Weg gebracht wurde, erinnert fatal an das BWL-Studium) auf Schule und Unterricht zu übertragen, ist einfach falsch, das ist minimalistisch gedacht und geht nicht, zumal wir es mit Menschen, dazu noch jungen Menschen zu tun haben, die unsere Zukunft sein sollen, wie oft zu hören ist.  Inzwischen müsste dieses eigentlich auch in den Amtsstuben angekommen sein. Soziale Kompetenzen, wie z.B. Wertschätzung, Solidarität, Respekt, usw. finden in den Rahmenrichtlinien nur einen Nischenplatz.  Inzwischen werden sie in einigen Bundesländern mehr beachtet (u.a. durch die Einführung des Faches Ethik), weil man erkannte, dass diese Kompetenzen sich zwar der Empirie entziehen jedoch trotzdem von großem Wert für eine menschenfreundlichere Gesellschaft sowie für eine ganzheitlich positive Persönlichkeitsentwicklung des Heranwachsenden sind.

Herzensbildung

Freitag, März 18th, 2016

Eine Palästinenserin ist zur weltbesten Lehrerin gekürt worden. https://www.facebook.com/ajplusenglish/videos/698181623656681/.

Sie lehrt – den FRIEDEN. Diese vom Krieg traumatisierten Kinder werden sicher nicht auf andere schießen. Solche Lehrer braucht die Welt dringender denn je. Dadurch vermeidet man gesellschaftliche Krisen und Probleme. Diese palästinensische Lehrerin lehrt sicher auch Lesen, Schreiben und Rechnen, jedoch die wichtigste und erste Kompetenz, wie wir friedlich miteinander leben können, steht bei ihr ganz oben.

Sie ruft der Welt zu:

We can change the future.
We can change the world for the best.
We are the real power in the world.
Just teachers. Just teachers.

Was bringt es, wenn Kinder Wissen anhäufen und dann das Maschinengewehr in die Hand nehmen? Jahrzehnte haben wir Wert auf Wissensanhäufung gelegt. Wir brauchen endlich eine Bildung, die zum Frieden, zu Toleranz und gegenseitigem Respekt befähigt. Das habe ich als Ethik- und Sprachenlehrer 40 Jahre versucht zu realisieren, z.B. durch einen 23 Jahre dauernden jährlichen Schüleraustausch mit einer Schule in Frankreich. Über 600 Schülerinnen und Schüler sind sich begegnet auch Dank des deutsch-französischen Jugendwerks. Für mich stand während meiner gesamten Tätigkeit als Lehrer nicht pure Wissensvermittlung an erster Stelle, sondern Sozialkompetenz, Herzensbildung.

Whistleblower

Dienstag, Juli 8th, 2014

Sie verteidigen unsere Freiheit und erobern moralische Standards zurück

Freiheit ist Leben. Nicht zuletzt wird eine Verurteilung mit Gefängnis als Freiheitsentzug bezeichnet. Neben der Freiheit des Denkens, der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Religionsfreiheit, usw. ist auch die Wahrung der Privatsphäre dazu zu rechnen, alles Grundrechte, die niemand dem Menschen beschneiden darf, die nicht zur Disposition stehen.“Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 12). Trotzdem meinen manche, die ebenfalls diese Freiheiten in den „freiheitlichen Demokratien“ genießen, diese in den vergangenen Jahrzehnten von vielen Menschen unter Einsatz des eigenen Lebens verteidigten Grundwerte des Menschen mit Füßen treten zu können. Die Privatsphäre gehört zu den elementaren Grundrechten. Sie ist Teil der Identität von Menschen. Eine der effektivsten Foltermethoden totalitärer Systeme ist die systematische Beschneidung bzw. der Entzug der Privatsphäre. Ein Schritt auf dem Weg zur Vernichtung von Menschen, ein entscheidender, denn er nimmt Autonomie, Würde, Selbstbestimmung. Genau dieses beabsichtigen heutzutage sogar demokratisch legitimierte Staaten bzw. deren Organe. „Es ist eine Aushebelung des Rechtsstaats und ich glaube, dass sich ziemlich viele Menschen, die politisch aktiv sind, in einer solchen Umgebung unsicher fühlen müssen, nicht nur ich. Denken Sie an das jetzt enthüllte Ausmaß der Überwachung. Es ist eine unfassbare Verletzung des Grundrechts auf Privatheit und informelle Selbstbestimmung. Es verstößt, auch in Amerika, gegen die Verfassung. Wenn sie damit davonkommen, was passiert als Nächstes?“ (Sarah Harrison im Stern Nr. 50 2013 über die Antiterrorgesetze in Großbritannien) Whisleblower sind zu schützen und zu unterstützen, weil sie für die Achtung der Menschenrechte und der Freiheit kämpfen und dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Diejenigen, die Manning ins Gefängnis steckten, gehören selbst dorthin. Manning dagegen ist freizulassen, denn er hat sich verdient gemacht für freiheitlich demokratische Werte, für die Zivilgesellschaft wie Snowden und andere Whisleblower. Ein Gerüst von Grundordnungen, dazu zählt auch und vor allem die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 (die Rede- und Glaubensfreiheit und die Freiheit vor Furcht und Not gelten als „das höchste Streben des Menschen“), wurde nach dem 2. Weltkrieg in vielen Ländern zum Schutz der Menschen vor Willkür anerkannt, auch von den USA. Unter diesem Schirm konnte man sich bis vor einigen Jahren zumindest in den freiheitlichen Demokratien noch ziemlich sicher fühlen. Heute wird von den Geheimdiensten, und nicht nur von denen, allenthalben darüber hinweg gegangen, werden diese Werte dem sog. „Kampf gegen den Terrorismus“ untergeordnet. Man spricht – harmlos ausgedrückt – von Demokratieverlust. „Mehr Demokratie wagen“, ein heute oft wiederholtes Zitat von Willi Brandt, bedeutet kein Wagnis, sondern ist das Gebot der Stunde, ist für die verloren gegangene Glaubhaftigkeit in der Politik ein Wiedergewinn von Zustimmung und Vertrauen.

Man muss Angst haben um Frau Harrison. Sie fühlt sich in Berlin sicher. Wer sagt aber, dass nicht ein Kommando hierher geschickt wird, um sie zu entführen und in England oder den USA ins Gefängnis zu stecken bzw. nach Guantanamo zu verschleppen? So, wie man es bereits mit einigen anderen Menschen machte, gegen die noch nicht einmal hinreichende Verdachtsmomente bestanden, bei denen erst lange nach ihrer Internierung ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren, z.T. durch Recherchen von Journalisten festgestellt wurde, dass sie nichts mit Terrorismus zu tun hatten. Das sind nicht nur Verstöße gegen die Verfassung, sondern das sind bereits handfeste kriminelle Machenschaften – von Organen (sog. Geheimdiensten), die einer demokratisch legitimierten parlamentarischen Kontrolle unterliegen sollten, eigentlich!?! Es kommt immer darauf an, von welchem Gesichtspunkt bzw. Standpunkt aus ein „Geheimnisverrat“ als solcher zu bezeichnen ist. Spioniert nicht jeder jeden aus? Wer oder was ist da heute noch zu bestrafen? Zu verteidigen und zu respektieren sind, darüber sind sich alle einig, in jedem Fall, überall und immer die grundlegenden Rechte eines jeden Menschen, egal ob Mann, Frau, Schwarzer oder Weißer. Es wurde und wird viel darüber diskutiert, wie man derartige Greueltaten wie sie im 2. Weltkrieg begangen wurden, in Zukunft verhindern kann. Erinnern ist eine Möglichkeit, greift aber nicht so richtig, wie man sieht. Vielleicht ist das, was Kærgaard sagt, erfolgversprechender: „Moralische Standards zurückzuerobern: Darum geht es beim Whisleblowing.“ Weil das Bewusstsein, gegen Unrecht anzukämpfen, in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Vielleicht riskieren deshalb Whisleblower viel, u.A. den Verlust von Freunden, des Jobs, usw. Der Gewinn an Selbstachtung ist nicht zu unterschätzen und auch an moralisch-politischer Unterstützung einer immer größer werdenden Öffentlichkeit, die bereit ist, in diese moralischen Standards zu investieren.

Lehrer/Lehrerin

Samstag, Juli 5th, 2014

Wertschätzung, Achtung

In der Praxis bekommt man als Lehrerin/Lehrer sehr wenig positives Feedback. Umso mehr freut man sich über Wertschätzung wie in den beiden folgenden Beispielen:

Vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft wird der Lehrerberuf bezeichnet als der „härteste Job der Welt“ (2. Bildungsmagazin CARTA). Was unsere Zivilgesellschaft am dringendsten braucht, sind engagierte, motivierte Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, die positive Werte vermitteln. Das ist ganz zentral.

Katrin Göring-Eckardt in „Die Zeit“ Nr. 28 v. 3. Juli 2014 (ich gebe hier ihren originalen Wortlaut wieder, ohne Kürzungen):

„Ich wäre gern Lehrerin geworden. Als ich den Wunsch als Schülerin in der DDR geäußert habe, hat mich meine Deutschlehrerin gewarnt: „Das kannst du nicht, du müsstest den Schülern wegen der DDR-Ideologie immer wieder anderes sagen und beibringen, als du selber denkst.“ Das wäre wohl heute kein Hinderungsgrund mehr. Und irgendwie gibt es diese Sehnsucht noch immer. Kinder und Jugendliche dabei zu begleiten, wie sie lernen und leben, wie sie diejenigen werden, die sie sein wollen – das ist eine großartige Vorstellung. Ich finde es spannend, mitzuerleben, wie sie eigene Werte entwickeln; ich würde sie fragen, was sie von sich erwarten – und ihnen helfen, ihre Neigungen zu entdecken. Vielleicht ist das eine ziemlich romantische Vorstellung vom LehrerInnenberuf. Jedenfalls habe ich höchsten Respekt vor Lehrkräften, die sich immer wieder liebevoll, kreativ und motiviert in einen der wichtigsten Jobs stürzen.“

 

 

zur aktuellen Diskussion über Schulleiter

Mittwoch, Juni 25th, 2014

Wieder mehr Kollegialität wagen

Den meisten Schulleitern fehlt es nicht an Managementqualitäten, sondern, im Gegenteil, an Sozial- und demokratischer Kompetenz. Eine „produktive Lernumgebung“ zu schaffen, gelingt leider selten, weil Qualitäts- und sonstiges Management, Evaluationen sowie äußere Strukturreformen ein Übergewicht in der Schulleiteraus- und Weiterbildung und in der täglichen Praxis einnehmen. Spätestens seit Hattie wissen wir jedoch, dass die „emotionale Seite“ (Respekt, Wertschätzung, Fürsorge, Vertrauen) ausschlaggebend für gelungenen Unterricht ist. Es liegt auf der Hand, dass o.g. Qualitäten auch für ein gutes Arbeitsklima im Schulkollegium sorgen. Zurecht wird die Frage gestellt, warum die Schulverwaltungen trotzdem immer weiter an Strukturreformen festhalten (Zeit Nr. 2 2013).

In den letzten Jahrzehnten folgte ein Dogmatismus dem anderen. Lehrerinnen und Lehrer wurden verschlissen, zuletzt im sog. „Pisa-Schock“, dem eine Welle von schnell und unpräzise am grünen Tisch aufgestellten sog. „Reformen“ folgte. In 10 Jahren 24 dieser sog. Reformen in Berlin zu bewältigen, überfordert heute noch viele Kollegien und brachte hunderte von Pädagogen an ihre Leistungsgrenze. Nicht umsonst titeln die Medien im Herbst 2012, die Lehrer endlich einmal in Ruhe arbeiten zu lassen. Jede neue Ideologie wurde als die beste Methode bzw. Didaktik angepriesen. und von den Schulverwaltungen durchgesetzt.

Unumstritten ist der Wohlfühlfaktor bei den Mitarbeitern für eine erfolgreiches Vorankommen einer Firma bzw. einer Schule. Stattdessen setzen Schulverwaltungen auf Qualitätsmanagement in neuen Organisationsstrukturen, indem sie sich am Management der Wirtschaft orientieren. Das kann im Rahmen der allgemeinen Bildung innerhalb von Schulen, wo man es mit heranwachsenden Menschen zu tun hat, nicht gut gehen. In den Bildungsministerien wundert man sich, warum die Strukturreformen nicht greifen und beauftragt die medizinische Fakultät von Universitäten zur Einrichtung von Instituten für die Lehrergesundheit. Solange Schulleiter ihre Gesamtkonferenzen (Konferenz aller Lehrerinnen und Lehrer sowie Vertreter der Eltern und Schüler) übergehen und selbstherrlich entscheiden, kann kein Vertrauen im Kollegium entstehen und die Optimierung von Ressourcen bleibt ein schöner Traum. Viele Schulleiter sehen sich als Erfüllungsgehilfen der jeweiligen Schulverwaltungen, was nicht ihre Aufgabe ist. Vielmehr sollten sie alles daran setzen, ihre Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen in einem nicht leichten Beruf. Anstatt sich als Kollege zu verstehen, sich vor das Kollegium zu stellen als Primus inter Paris stellen sie die disziplinarische Verfügungsgewalt in den Vordergrund. Solange Schulleiter auf diese Weise agieren, kann kein echtes Schulleben entstehen, kann nicht Freude am Beruf und Engagement erwartet werden. Von einer „kollegialen Schulleitung“ wie wir sie vor einigen Jahren noch hatten, kann heute keine Rede mehr sein. Dafür ist ein Mangel an demokratischen Kompetenzen festzustellen. Dieses Phänomen hat ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Dimension und stellt eine besorgniserregende Entwicklung dar, einen Rückschritt in autoritäre Führungsstrukturen und das angesichts einer Wirtschaft, die immer mehr auf Kooperation, Teamfähigkeiten und Mitsprache von Seiten der Mitarbeiter setzt. In Schule und Unterricht geht es immer um Vorbilder, wo junge Menschen lernen sollen, in wertschätzender demokratischer Weise miteinander umzugehen.

Kinder, insbesondere in der Pubertät, „funktionieren“ nicht wie von den Erwachsenen erwartet. Diese allgemein bekannte Tatsache trifft jedoch in gleicher Weise auf kritisch denkende, mündige Erwachsene zu. Dem muss eine gute Führungskraft Rechnung tragen. Motivation und Interesse (am Unterrichtsstoff) lassen sich nicht herbeizwingen. Es liegt auf der Hand, dass auch bei Erwachsenen ein autoritäres Sanktionssystem eher auf Widerstand als auf Zustimmung stößt. Vertrauen schaffende Maßnahmen, Verständnis, eine Kultur der Wertschätzung wieder neu zu etablieren zählen zu den Hauptaufgaben zukünftiger Führungskräfte, will man die Zeit nicht verschlafen.

Diese Kompetenzen zu stärken, die in einigen Bereichen unserer Gesellschaft Mangelware geworden zu sein scheinen, zählen im Ethikunterricht der Berliner Schule zu den erlernenden Schlüsselqualifikationen. Sie sollten eigentlich in jedem Unterricht Vorrang vor der Erfüllung festgeschriebener sog. Standards oder Lehrpläne haben. Auf diesen Kompetenzbereich kann nirgends in der Wirtschaft mehr verzichtet werden.

Auf einem Berufsfeld, wo es keinen Druck zur Erhaltung der Wirtschaftskraft gibt, sondern wo emotionale Kompetenzen ausschlaggebend für Erfolg sind (Hattie), auf das Gegenteil, auf immer mehr Evaluationen, die als zusätzlicher Stressfaktor verstanden werden (die Arztpraxen sind voller Schüler und Lehrer) zu setzen, ist der falsche Ansatz. Das unmittelbare Feedback durch die Lehrperson

Die Schulleitung, die in den meisten Schulen aus mehreren Personen besteht, sollte ein gern gesuchter Anlaufpunkt für die Probleme der Lehrerinnen und Lehrer sein, wo man in kollegialer Zusammenarbeit nach Lösungswegen sucht. Natürlich soll eine gute Schulleitung abwägen können müssen zwischen den konkurrierenden Interessen der Lehrer als auch der Schüler sowie deren Eltern und nicht sich auf eine Seite schlagen weil dies gerade bequemer erscheint. In Deutschland sollte wieder zurückgekehrt werden zu einem kollegialen Miteinander zwischen Schulleitung und Kollegium, um die aktuellen Herausforderungen der Schulen effektiver bewältigen zu können.

Die Motivation, Verantwortung zu übernehmen, ist bei vielen jungen Lehrerinnen und Lehrern vorhanden, jedoch sind allzu rigide Verwaltungsstrukturen und Vorgaben und ein immer größer gewordener Aufgabenbereich eher ein Hinderungsgrund für junge Lehrer geworden, sich für eine Schulleiterstelle zu bewerben. Die vielen seit Jahren offenen Stellen sprechen eine deutliche Sprache. Zudem sind die Aufstiegsmöglichkeiten im Lehrerberuf so gering wie in kaum einem anderen Bereich. Unter Anderem ist der Mangel an Führungspersonal in deutschen Schulen auch daraus erklärbar. Die Gesellschaft braucht dringend gute, verständnisvolle Pädagogen.

Ralf Kennis, 40 Jahre Lehrer für Französisch und Ethik i.R., 30 Jahre Rektor (Fachbereichsleiter Sprachen an Berliner Gesamtschulen), Tätigkeit in Lehreraus- und Weiterbildung, Ausbildung von Fachbereichsleitern, 23 Jahre Austausch mit einem Collège in Südfrankreich, 15 Jahre ehrenamtliche Jugendarbeit, internationale erziehungswissenschaftliche Forschungstätigkeit, Mitglied von eduforunity.org, Veröffentlichungen in ww.kennis.de

Pisahysterie

Mittwoch, Juni 25th, 2014

zur aktuellen Pisastudie

„The more students are grouped by ability, the lower their motivation to learn.“ (Dylan, William, renommierter britischer Erziehungswissenschaftler zur Pisa-Studie auf Twitter). Schwächen dieser Studie zeigt auch der Bildungsforscher Prenzel auf (Zeit Nr. 50, S. 86 f), wenn er den Auftrag von Pisa in erster Linie beim „messen“ sieht. Es werden ausschließlich kognitive Fähigkeiten gemessen. Soziale Kompetenzbereiche, wie z.B. Teamfähigkeit, die in der Wirtschaft mindestens genauso gefragt sind, können nicht gemessen werden.

Die Beachtung der Ergebnisse der Pisa-Studie in Deutschland ist total überzogen. Nach dem „Schrei des Entsetzens“ und dem so genannten „Pisa-Schock“ vor zwölf Jahren setzte eine regelrechte Pisa-Hysterie ein. In 10 Jahren setzte die Berliner Schulverwaltung Schüler, Lehrer und Eltern mit über 24 strukturellen Reformen unter erheblichen Druck, was teilweise krank machte. Nachdem immer mehr Lehrerinnen und Lehrer krank wurden, sahen sich die Schulverwaltungen einiger Bundesländer gezwungen, etwas für die Gesundheit dieser Berufsgruppe zu tun, um ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Fürsorgepflicht nachzukommen. Ganze Institute widmen sich aktuell der Lehrergesundheit.

Erst vor Kurzem bewies Hattie in seinen Metastudien, dass nicht Strukturreformen, sondern der Lehrer ausschlaggebend für den Lernerfolg sei. Hattie spricht von Empathie, Zuwendung, Verständnis und einem guten Feed-Back, während die deutschen Reformer am grünen Tisch Maßnahmen aus dem Wirtschaftsmanagement bemühten wie z.B. Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement, was m.E. auf die Schule angewandt vollkommen verfehlt ist, weil es im Umgang mit Heranwachsenden andere Kriterien gibt, die wesentlich wichtiger für die Entwicklung Heranwachsender sind. Jetzt euphorisch von einem „Seufzer der Erleichterung“ zu sprechen erscheint sehr übertrieben.

Herr Kerstan disqualifiziert sich selbst (Zeit Nr. 50, S. 85), wenn er den Lehrern bescheinigt, mit den Bildungsstandards nichts anfangen zu können, wo doch die Fachkonferenzen seit Jahren diese Standards im jeweils eigenen Fach umsetzen, ggfs. neu formulieren, sie in Form von Jahresplänen ins Internet stellen (ist alles nachzulesen) und sie den Eltern und Schülern versuchen zu erläutern.

über das Lernen oder die Schulpolitik macht Lehrer und Schüler krank

Donnerstag, Februar 7th, 2013

Seit John Hattie müssen wir Schule und Lernen neu überdenken, nicht dogmatisch, nicht in sog. „neuen“ Lern- und Lehrformen, nicht in strukturellen Reformversuchen, sondern der Lehrer und seine Beziehungen stehen im Vordergrund. www.kennis.de

40 Jahre lang, mein gesamtes Berufsleben, löste eine Ideologie die andere ab. mehr

Kein Mensch kann in seinem Berufsleben mehr als eine große Reform aktiv mitgestalten. Zu Beginn der Gesamtschulreform Anfang der 1970er Jahre trafen wir uns am Sonntagmorgen bei einem Kollegen/einer Kollegin bei frischen Brötchen und Kaffee, um „neue“ Curricula zu entwickeln, die auf die Gesamtschüler zugeschnitten sind. Später wiederholten sich viele so genannte „neue“ Ansätze immer wieder, insbesondere nach dem Pisa-Schock reagierten die Schulverwaltungen über, so dass die ganze Arbeit nicht mehr zu schaffen war. Eine Konferenz jagte die andere. Ein Lehrer, eine Lehrerin kam nicht mehr dazu, vor allem wenn man in der Oberstufe unterrichtete, den Unterricht gewissenhaft vorzubereiten. Am Wochenende stapelten sich die Korrekturen, usw … An die Pflege von Freundschaften war und ist nicht mehr zu denken, Familien gingen kaputt, vieles andere trat hinter der Arbeit zurück … Eine Kultur der Anerkennung fehlte völlig bzw. sie war nur in Ansätzen bei einigen wenigen Schulleitern erkennbar. So wurde ein Lehrer nach dem anderen in die Krankheit getrieben.

Jetzt endlich, nach Jahrzehnten titeln Zeitungen und Zeitschriften: „Lasst die Lehrerinnen und Lehrer in Ruhe arbeiten.“ Ein Bildungsforscher, John Hattie, stellte nun in mehr als 800 Metaanalysen fest, dass es nicht auf die Methode oder eine bestimmte Didaktik (oft in dogmatischer Weise als „die Beste“ gepriesene) oder eine Unterrichtsform, sondern entscheidend auf den Lehrer/die Lehrerin ankommt. „Ohne Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen könne Unterricht nicht gelingen, schreibt er und belegt das mit eindrucksvollen Zahlen. (…) Lehrer haben einen überragenden Einfluss, den sie jedoch lediglich dann geltend machen können, wenn sie in jedem Augenblick an ihre Schüler denken.“ (Zeit Nr. 2 2013, S. 55,56) S. auch: www.kennis.de

Das ermutigt, das befreit. Für mich leider etwas spät. Ich wünsche der Schulpolitik, dass diese Erkenntnisse endlich durchgesetzt werden, dass die Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft „in Ruhe“ ihre verantwortungsvolle Arbeit leisten können.