Lehrer/Lehrerin, das Glück der Profession?

Kinder suchen „nach einem, der ihnen hilft, die Welt zu verstehen und Lust aufs Leben zu bekommen.“ Dieser Satz aus C&W vermittelt einen Blick auf den Lehrerberuf, den ich nach 40 Jahren Lehrerdasein, jetzt in Pension, voll und ganz unterschreiben kann,  der aber nicht offensichtlich ist. Junge Menschen suchen nach Vorbildern, nach Orientierung in einer immer fragmentierteren Welt. Gibt man ihnen diese Hilfen, stößt das  jedoch meist auf heftigen Widerstand. Das liegt vielleicht in der Natur der Sache, ist aber gerade für junge Lehrerinnen und Lehrer eine Herausforderung, oft auch eine Enttäuschung, der so genannte Praxisschock.

Der Frau-Müller-muss-weg-Film suggeriert schon allein vom Titel, was Lehrer bei der gegenwärtigen Elterngeneration erleben. Die Erwartungen sind sehr hoch, die Kooperationsbereitschaft sehr niedrig. Von Seiten der Schulverwaltungen ist kaum Unterstützung zu erwarten, im Gegenteil. Der tägliche Kampf mit einer jungen Generation, die immer weniger beziehungsfähig ist (Winterhoff), ermüdet und macht es zunehmend schwerer, diesem oft zitierten „schönsten Beruf“ positive Seiten abzuringen, zumal die Aufgaben und Anforderungen, die auf Lehrerinnen und Lehrern lasten, in den letzten beiden Jahrzehnten stetig zunahmen. Eine Reform jagte die andere.

23 Jahre pflegte ich einen Schüleraustausch zwischen meiner Berliner Gesamtschule und einem Collège in Frankreich. Vor Kurzem traf ich einen ehemaligen Schüler, der mir bestätigte, dass dieses Erlebnis zu einem der schönsten in seiner gesamten Schulzeit gehörte. Auch die beiden Schülerinnen, die mich fast ein ganzes Jahr nicht mehr grüßten, nachdem sie disziplinarische Konsequenzen aufgrund ihres Verhaltens zu tragen hatten und mir am Ende vor ihrer Entlassung aus der Schule sagten „Sie waren unser bester Lehrer“ werden diese für sie einschneidenden Erlebnisse sicher ihr ganzes Leben nicht vergessen. Es ist zu hoffen, dass sie auch Lehren daraus gezogen haben. Aber – gerade diese Begebenheit kostete mich unheimlich viel Kraft und Nerven. Das alles muss man wissen, wenn man sich heute für den Lehrerberuf entscheidet. Erfolge sieht man in diesem Beruf nur äußerst selten. Dass beispielsweise kaum ein Wochenende oder gar ein Abend zum Ausspannen, zur Regeneration zur Verfügung steht. Die viel zitierten Ferien gehen meist mit Korrekturen von Klausuren und Klassenarbeiten oder mit einer immer komplizierter gewordenen Notengebung drauf. „Das Glück der Profession“ zu beschwören, ist heute notwendiger denn je geworden, denn was die Heranwachsenden am meisten brauchen, sind verständnisvolle aber auch konsequente Lehrerinnen und Lehrer, die wiederum Entlastung und kooperative Eltern sowie Schulleitungen und Kolleginnen und Kollegen ganz dringend benötigen. Die rückläufigen Zahlen von Bewerbern für das Lehramt oder auch für den Schulleiter/die Schulleiterin sprechen eine deutliche Sprache. Alles zusammen genommen, ist der Lehrerberuf mit anderen Berufen schwer vergleichbar.

Es herrscht allenthalben immer noch eine Pädagogik des Sich-Behauptens („du lernst für dich selbst“), des Individualismus und eine pädagogische Praxis des „Vogel friss oder stirb“ vor allem in den Gymnasien. Die zunehmende Zahl von psychophysischen Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern sprechen eine deutliche Sprache. Von der Perspektive des Lehrers aus habe ich oft gehört: „Ich bin doch kein Sozialarbeiter, ich werde für das Unterrichten bezahlt“, obwohl im Schulgesetz die erzieherische Aufgabe des Lehrers verankert ist. In den Schulverwaltungen herrscht eine rein technokratische, ja maschinistisch-administrative Haltung den Schulen gegenüber vor (im Zuge der Sparmaßnahmen wurden immer mehr Aufgaben in die „Eigenverantwortlichkeit“ der Schulen gegeben): Evaluation (in Italien geht das so weit, dass die Lehrerinnen und Lehrer von den Kolleginnen und Kollegen der eigenen Schule beurteilt werden; „den Krieg in der Schule zu entfachen geht nicht“ war der Kommentar eines italienischen Erziehungswissenschaftlers; in Deutschland werden die Schulen untereinander verglichen,  was grober Unfug ist), Qualitätsentwicklung, -Sicherung und -Management stehen im Vordergrund. Die Qualität des eigenen Unterrichts zu verbessern, dieses Ziel hat sicherlich jeder verantwortungsvoll unterrichtende Lehrer/in. Er/sie sucht sich die dazu geeigneten Instrumente, deren es sehr viele und von Fach zu Fach unterschiedliche gibt, die nicht von oben herab diktiert werden sollten. Termini und Praxis aus dem Wirtschaftsmanagement (einiges, was im vergangenen Jahrzehnt von den Schulämtern ungeschickter- und unglücklicherweise auf den Weg gebracht wurde, erinnert fatal an das BWL-Studium) auf Schule und Unterricht zu übertragen, ist einfach falsch, das ist minimalistisch gedacht und geht nicht, zumal wir es mit Menschen, dazu noch jungen Menschen zu tun haben, die unsere Zukunft sein sollen, wie oft zu hören ist.  Inzwischen müsste dieses eigentlich auch in den Amtsstuben angekommen sein. Soziale Kompetenzen, wie z.B. Wertschätzung, Solidarität, Respekt, usw. finden in den Rahmenrichtlinien nur einen Nischenplatz.  Inzwischen werden sie in einigen Bundesländern mehr beachtet (u.a. durch die Einführung des Faches Ethik), weil man erkannte, dass diese Kompetenzen sich zwar der Empirie entziehen jedoch trotzdem von großem Wert für eine menschenfreundlichere Gesellschaft sowie für eine ganzheitlich positive Persönlichkeitsentwicklung des Heranwachsenden sind.

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