Einführung in meinen Blog
Als Lehrer für Ethik und Französisch an Berliner Gesamtschulen legte ich Wert auf ein gutes Lernklima in den multikulturellen und multiethnischen Klassen und Gruppen, die ich 40 Jahre unterrichtete. Ein Beispiel:
In meinen Ethikunterricht einer 9. Klasse lud ich einen mir befreundeten Wissenschaftler und Autor aus einem Studienkreis ein, um dem Unterricht ein wenig Abwechslung zu verleihen und der Gruppe einen Motivationsschub zu geben. Diese Klasse war eine meiner angenehmeren Gruppen. Ich bat den Wissenschaftler, mit der Gruppe ein philosophisches Gespräch über Menschenrechte zu initiieren. Das war für die Gruppe eine neue, motivierende Situation. Als Fachlehrer wollte ich so wenig wie möglich eingreifen, um den Diskussionsfluss nicht zu unterbrechen. Der Philosoph hatte Schwierigkeiten, mit der ihm fremden Situation umzugehen. Am darauffolgenden Tag schrieb er mir eine Stellungnahme zu der Doppelstunde, indem er seine Bewunderung für meine Arbeit und die meiner Kolleginnen und Kollegen aussprach, sich aber darüber beklagte, dass „die Schüler und Schülerinnen dem Lehrenden, dem Gast und sich selbt ja gar keine Chance (gäben) mit ihrem aufgedrehten Gehabe.“ Ich freute mich aber , denn oft über die rege Beteiligung. Weiter sagte er: „Dass du das aushältst mit den Schülern, ist für mich unbegreiflich. Ich hatte den Rest des gestrigen Tages einen Brummschädel (er war lediglich eine Doppelstunde anwesend) und heute bin ich heiser. Ich bin es nicht gewohnt, ständig auf Fragen zu reagieren, die die Richtung des Gesprächs ändern.“ Daran war ich gewohnt, denn oft ließ ich spontane Äußerungen zu, um die Motivation nicht abzuwürgen und das Gespräch im Gang zu halten. Dann gab er mir mein Freund Tipps: „Das müssen die Schüler m.M.n. auch lernen: Den Stand eines Gesprächs einschätzen und das persönliche Anliegen darauf abstimmen. Das ist auch eine Frage des Respekts. Nicht immer »sein Ding« durchboxen zu wollen. Das gilt unabhängig vom Leistungsstand. Die Fragen waren für sich genommen sehr interessant, nur hatte ich ja kaum Zeit, darauf einzugehen, dann kam schon wieder was anderes. Der Aspekt des „voneinander Lernens“ ist ganz wichtig, denn man hat ja von der Wortmeldung anderer auch etwas, wenn man denn zuhört!“
Das ereignete sich ungefähr zu Beginn der 2000er Jahre. Diese von meinem Freund geforderten Verhaltensweisen wurden bereits Jahre zuvor zu Hause nicht mehr vermittelt. Die Situation verschärfte sich kontinuierlich bis heute. Die Schülerinnen und Schüler waren immer weniger in der Lage, sich auf den unterricht zu konzentrieren. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in den Medien von Gewalt an unseren Schulen berichtet wird. Im Schulgesetz der deutschen Bundesländer ist der Erziehungsauftrag festgeschrieben, der natürlich auch anständiges, respektvolles Verhalten sowohl den Mitschülern als auch dem Lehrpersonal gegenüber beinhaltet. Diskriminierungen sowie Beleidigungen sind bereits Formen verbaler Gewalt, die bei Jugendlichen ganz schnell eskalieren können. Wenn ein derartiges Verhalten massiv auftritt und sich Halbwüchsige zusammenrotten, können Lehrerinnen und Lehrer dem wenig entgegensetzen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn es kaum noch Menschen gibt, die den Lehrerberuf ergreifen wollen. Ich selbst erlebte, dass ein Quereinsteiger, ein Schrank von einem Mann, der beim Hereinkommen zuerst seinen Motorradhelm im Lehrerzimmer deponierte, es nur drei Wochen an meiner Schule aushielt.
In den letzten zehn Jahren meiner beruflichen Laufbahn machte ich eine für mich irritierende Erfahrung: Ich fand kaum noch Zugang zu meinen Schülerinnen und Schülern. Der persönliche Bezug hatte meinen Unterricht all die Jahre getragen, denn ich war der Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche nur dann Lernbereitschaft zeigen, wenn sie sich angenommen fühlen und u.a. durch mich Anerkennung finden. Diese Überzeugungen wurden durch die Erziehungswissenschaft gedeckt (vgl. u.a. Prengel). Ich stellte mir die Frage, ob ich unflexibel geworden sei oder ob meine Methoden sowie die didaktische Herangehensweise überholt seien. Das war jedoch sehr unwahrscheinlich, weil ich als Fachbereichsleiter immer wieder junge Kolleginnen und Kollegen für das Lehramt anleitete und auch von ihnen für meinen eigenen Unterricht viel übernehmen konnte.
Dem Problem wollte ich auf den Grund gehen, reduzierte meine Unterrichtsverpflichtungen, besuchte Lehrerweiterbildungen und konsultierte die erziehungswissenschaftliche Fachliteratur. In den Jahren 2006/07 besuchte ich vom Senat von Berlin eingerichtete Weiterbildungsveranstaltungen zur Erlangung der Lehrbefähigung im Fach Ethik. Dieses Fach wurde für die Mitelstufe mit zwei Wochenstunden verpflichtend in den Stundenplan integriert, vor allem, um der zunehmenden Gewalt an den Schulen engegen zu wirken. Zunehmende Beziehungsstörungen bei den Schülerinnen und Schülern und Konzentrationsschwächen wurden auf grawierende gesellschaftliche Veränderungen zurückgeführt. Auf derartige Entwicklungen kann die Schule nur bedingt reagieren. Es handelt sich um „gesellschaftliche Prozesse, die das Erwachsenen-Kind-Verhältnis verändern. (…) Die Auffälligkeiten, um die es dabei geht, können beispielsweise eine zunehmend fehlende Lern- und Leistungsbereitschaft sein, genauso wie Schwierigkeiten im sozialen Miteinander, fehlende Fähigkeiten, in Konflikten eigene Anteile zu sehen, oder Wahrnehmungsprobleme. (…) Es fehlt sowohl an Fähigkeiten in den ganz normalen Kulturtechniken wie Lesen und Rechnen als auch an Sekundärtugenden wie Arbeitshaltung, Pünktlichkeit, Höflichkeit und Umgang mit anderen Menschen. Abläufe werden nicht erkannt, so dass viele Arbeiten gar nicht geleistet werden können, es fehlt an Empathie und dem Blick für die Bedürfnisse der Kollegen, so dass eine gedeihliche Zusammenarbeit kaum möglich ist.“
So die Analyse, die meine Selbstzweifel zerstreute und mir die Zuversicht verlieh, dass wir als Kollegium die Möglichkeit hatten, in Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten sowie allen Beteiligten diese unbefriedigende Situation zum Besseren wenden zu können. In der einschlägigen Literatur fanden wir dann auch Vorschläge. Ausschlaggebend für mich war, dass sich die Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern durch eine veränderte Einstellung ihnen gegenüber zum Besseren wendete. Die konsequente Einhaltung von Regeln und Routinen ist m.M.n. eine der wichtigsten Handlungsoptionen in der Erziehung: Zwei Schülerinnen meiner Klasse zeigte ich bei der Polizei an. Sie beleidigten und schubsten mich, als ich sie am Rauchen auf dem Schulhof hindern wollte. Sie grüßten mich mehr als ein Jahr nicht mehr. An einem ihrer letzten Tage ging ich kurz vor der Verabschiedung im Gang an ihnen vorbei. Sie sagten: „Sie waren unser bester Lehrer.“
Traumatisierte Kinder kommen aus Krisengebieten in unsere Kitas und Schulen. Sie wissen nicht, was Frieden ist und verhalten sich oft aggressiv. Sie transportieren gewaltgeladene Strategien dorthin, wo sie unterrichtet werden, auch in Gebiete ohne kriegerische Auseinandersetzungen. Ihnen zu vermitteln, dass es auch andere Umgangsforman als die Gewalt gibt, darum bemühen sich viele meiner Kolleginnen und Kollegen sowohl hier in Europa als auch im Nahen Osten, in Afrika, Südamerika, Pakistan, mit denen ich monatlich in Videokonferenzen Erfahrungen austausche. Weltweit gibt es unzähligen Initiativen. Auch in Krisengebieten wird unter schwierigsten Bedingungen Unterricht erteilt. Lehrerinnen und Lehrer setzen ihr Leben aufs Spiel, um Kindern Bildung zu vermitteln. Bildung ist Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben und kann daher dazu beitragen, Gewaltanwendungen zu verhindern. „Zu erziehen bedeutet, den Frieden aufzubauen“ sagt Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, die in über 70 Ländern „Schulen des Friedens“ unterhält.
Vor einiger Zeit erhielt ich folgende Reaktion auf meine Arbeit: „Das Thema »reflexives Lernen« sowie andere Themen, die Sie in Ihrer bemerkenswerten Internetpräsenz vorstellen, halte ich in der heutigen gesellschaftlichen Situation für eminent wichtig und werde regelmäßig dieses Forum besuchen.“
Seit einigen Jahren arbeite ich zusammen mit einer erziehungswissenschaftlichen Arbeitsgruppe zu international relevanten Themen. Michele de Beni, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität von Trient und Schüler von De Bono, sagte vor Kurzem den bemerkenswerten Satz: „Die Erziehungswissenschaft ist nicht eine, sondern die Wissenschaft, die die Gesellschaft notwendig braucht, eine Not-wendigkeit (d.h. Not zu wenden) unserer Zeit.“ Weiter sagt er:
„Die Erziehung ist das wertvollste Gut, aber wenn es in dieser unserer „vaterlosen“ Gesellschaft eine Not gibt, die größer ist als alle anderen, dann ist es ausgerechnet der Auftrag und die „Berufung“ des Erziehers. Es besteht also die Dringlichkeit für die Erziehung, ein Zusammenspiel von Kräften und Ideen zu schaffen. Es muss wieder ein schöpferischer Schwung für die junge Generation entstehen und vor allem eine neue Leidenschaft zur Erziehung. Es fehlen auf der Welt nicht die finanziellen Mittel, um die Unterweisung zu bezahlen, es fehlen die Lehrer, die Erzieher, diejenigen, die bereit sind, einem Ruf zu folgen, sich hinzugeben, der Erziehung eine Seele zu geben“ (aus einem unveröffentlichten Manuskript).
Die folgenden Ausführungen beanspruchen keine Wissenschaftlichkeit im strengeren Sinn und erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Trotzdem wird Wert auf korrekte, möglichst genaue und stringente Formulierungen gelegt, weil es um ethische Werte sowie um geisteswissenschaftliche Inhalte geht.
Ich verwende meist das generische Maskulinum, weil ich der Sprachwissenschaft folgen möchte: „Die Endung -er im Deutschen, die so viel zu reden gibt, ist bloß eine Markierung. Sie macht aus einem Menschen, der lehrt, einen Lehrer. «Lehrer» ist, sprachwissenschaftlich betrachtet, nichts anderes als eine reine Funktionsbezeichnung, ohne allen Bezug zum biologischen Geschlecht. Das generische Maskulinum setzt also nicht Mann und Mensch gleich (und erniedrigt Frauen zu Un- oder Untermenschen), sondern es verhält sich gerade umgekehrt: Mit «Lehrer» ist ohne kontextuelle Angaben erst mal nur der Beruf gemeint. Ist hingegen von einer «Lehrerin» die Rede, sind zwingend sowohl Beruf als auch das biologische Geschlecht genannt.“ Scheu bezeichnet demnach das Missverständnis, dass das generische Maskulinum Frauen diskriminire als einen „Kurzschluss und eine zweifelhafte sprachphilosophische Prämisse“. Genauso wie Scheu sehe ich die Ursache für den Ausschluss von Frauen nicht in mangelnden Wortformen, sondern in sozialen Konventionen. „Wer die Sprache per dekret verbiegt, ändert dadurch nicht die zoziale Wirklichkeit, sondern betreibt bloß Machtpolitik im Dienste der eigenen Agenda.“
In diesem Zusammenhang noch eine persönliche Anmerkung, Stichworte: Rechtsradikale Parolen, Gemeinsinn: gesellschaftlicher Konsens.
Mit großer Sorge beobachten wir in den letzten Jahren Bestrebungen, die die Werte der Demokratie, die Grundlagen unserer liberalen auf Humanität und Menschenrechte basierenden Demokratie infrage stellen und angreifen. Rechts- und linksextreme, menschenfeindliche Parteien und Organisationen versuchen, in die Bildung unserer Kinder einzugreifen. Nach Hendrik Cremer, Jurist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin (DIMR) sagt, es gehöre zur Strategie der AfD, Bildungsträger einzuschüchtern. Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen und müssen unsere wehrhafte Demokratie mit Entschiedenheit verteidigen. Es ist zu hoffen, dass die angegriffenen Bildungsträger genug Selbstbewußtsein aufbringen, sich gegen Diffamierungen und Diskriminierungen jeder Art zur Wehr zu setzen. Denn Bildung ist unser höchstes Gut. Das lassen wir uns nicht kaputt machen. Cremer zum Neutralitätsgebot in der Bildung: „Rassistische Positionen stellen den Grundsatz der allen Menschen gleichermaßen zustehenden Menschenwürde und den damit einhergehenden Grundsatz der Rechtsgleichheit aller Menschen infrage.“ Das sind nicht verhandelbare Grundsätze des Grundgesetzes.
Soll Frieden nicht ein weit entferntes Ziel bleiben, ist der Weg dorthin durch Annäherung, Verständnis, Dialog, kurz durch Beziehungen gekennzeichnet. Deshalb gehen wir von Erkenntnissen der relativ neuen Relationalitätstheorie sowie der modernen Anthropologie aus. Die Prämisse, dass alle Dinge des gesamten Universums miteinander in Beziehung stehen, ist seit einigen Jahren Konsens und betrifft alle Wissensgebiete.
Eine ethische Gestaltung dieser Beziehungen in Schule und Gesellschaft im Hinblick auf das Friedensziel steht im weiteren Verlauf im Vordergrund. Dabei kommen sowohl die Grundlagen menschlicher Beziehungen sowie Eigenschaften wie Wertschätzung, Anerkennung, Empathie, Mitgefühl, auch Ambivalenz … zur Sprache.
Berlin, im Januar 2025