Warum ich dieses alles hier schreibe
Seit Beginn, nun schon seit über 20 Jahren, meiner intensiven erziehungswissenschaftlich-philosophischen Recherchen, versuche ich, das moralische Wirken einer Ethik der Wertschätzung vor allem in der Erziehung über theistische Quellen hinaus zu begründen ohne in eine „entgleisende Säkularisierung“ (Habermas) zu verfallen. Dadurch beabsichtige ich, eine Öffentlichkeit zu erreichen, für die Menschenwürde kein Fremdwort ist. Moralische und spirituelle Erwägungen sollen in diese Ethik mit einfließen. Ethik kommt nicht ohne Moral aus (Prengel, 2020), wobei unbedingt ein Essenzialismus zu vermeiden ist. „Den Wert einer bedingungslosen Liebe von Eltern zu ihren Kindern, unabhängig von deren Fähigkeiten; die Bejahung des Unverfügbaren, die den Drang nach Beherrschung und Kontrolle zügelt; die Würdigung von Kindern als Gaben, die nicht Objekte unseres Ehrgeizes sind. (…) Die Ethik der „Gabe“ entstehe, wenn wir Menschen als Geschöpfe Gottes verstehen“ (Sandel in ZEIT N°13, 2026). Jedoch kann ich einen anderen Menschen auch ohne die Religion zu bemühen als Geschenk betrachten, weil ich der Ansicht bin, dass die Gegenwart des Anderen, egal welcher Hautfarbe, Rasse und Religion er bzw. sie sich zugehörig fühlt, sowohl für mich als auch für die Allgemeinheit in jeder Hinsicht bereichernd ist. Das ist vielleicht das schwierigste Unterfangen unter Menschen überhaupt, weil es erfordert, den Anderen nicht als Gegner, sondern ihn als einen Menschen annimmt, der das gleiche Schicksal teilt, der ebenso vulnerabel ist {Pelluchon). Viele spirituellen Impulse beziehe ich aus der Spiritualität der internationalen Fokolar-Bewegung. Im Jahr 2004 schloss ich mich einer Gruppe von Pädagogen an (edu4unity.org), reduzierte meine Unterrichtsverpflichtung, um mich verstärkt der erziehungswissenschaftlichen Forschung widmen zu können.
Negative Erfahrungen einer autoritären Ideologie, die im Namen eines vermeintlich „höchsten Gutes“ Autonomie, Rechte und die Menschenwürde verletzten, veranlassten mich jedoch trotzdem, in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft Vorstellungen des Guten schützen zu wollen, ohne die in religiösen Überlieferungen aufbewahrten Gehalte zu vernachlässigen. Dazu gehört z.B die Vorstellung des Menschen als ein gemeinschaftlich handelndes Wesen in geschwisterlichen Beziehungen.s. auch https://magnifikat.de/wp-content/uploads/2025/07/Geschwisterlichkeit-1.pdfIn diesem Sinne kann ein Individuum auch als Geschenk, also eine Bereicherung für alle anderen und als einzigartig (dich gibt es kein zweites Mal, das begründet deinen unantastbaren Wert an sich) angesehen werden. Dieses Denken kann zu einer Spannung führen gegenüber den Anforderungen einer liberalen Neutralität. Diese Spannung legt Sandel nicht als Schwäche, sondern als Stärke aus.
„Was allein uns wirklich helfen kann, meine ich, ist »réfléchir«. Nachdenken. Und denken heißt stets kritisch denken. Und kritisch denken bedeutet stets, dagegen sein. Hannah Arendt sagt, dass es keine gefährlichen Gedanken gäbe, „aus dem einfachen Grund, dass das Denken selber ein solch gefährliches Unterfangen ist“ und sie fügt hinzu: „Nicht-Denken allerdings, glaube ich, ist noch gefährlicher“ (Arendt, 2005).
Ich verwende keine KI!
Ralf Kennis im März 2026