Frühe Bildung in der Krise

Frühe Bildung in der Krise

Kindgerechte frühe Bildung in der Krise

Kurz vor Weihnachten schockierte eine Bertelsmann-Studie, die besagt, dass „pädagogisches Fehlverhalten gegenüber Schutzbefohlenen (…) in vielen Kitas zum Alltag“ gehöre. Erschreckend ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer noch keinen Eingang in die alltägliche Erziehungspraxis gefunden haben.

Bereits vor mehr als 10 Jahren wiesen namhafte Erziehungswissenschaftlerinnen (Prengel 2013, Prengel/Winklhofer 2014) nach jahrelangen empirischen Forschungen nach, dass die Qualität pädagogischer Beziehungen sowie eine menschenrechtlich begründete Pädagogik entscheidend zu einer positiven  Entwicklung der Heranwachsenden beiträgt. „Intersubjektive Interaktionen können in wie auch immer strukturierten Bildungssituationen und Settings eher inkludierende, Vielfalt unterstützende oder eher exkludierende, Vielfalt zerstörende Tendenzen aufweisen“[1]. Die Befunde aus den Untersuchungen des Projektnetzes „INTAKT“ belegen u.a.: „Anerkennungen ermöglichen tendenziell Lernen. Verletzungen blockieren tendenziell Lernen.“[2]

Die UN Kinderrechtskonvention von 1989 und die darin enthaltenen Kinderrechte verteidigen nicht nur das Wohl der Kinder, sondern tragen auch „zur Entwicklung positiver Qualität pädagogischer Beziehungen“ bei.[3]

Als Dank für Annedore Prengels „einzig- wie großartiges Wirken“ wurde ihr im Juni des vergangenen Jahres 2025 das Große Bundesverdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Potsdam verliehen. Gewürdigt wurden ihre Recherchen auf den Gebieten der „Schulreformen, pädagogisch-didaktische Diagnostik, Demokratie-Erziehung, Vielfalt in Migrationsgesellschaften, Frauen- und Geschlechterforschung, Kinderrechte, Menschenrechtsbildung.“ Wegweisend in der Erziehungswissenschaft sind Prengels Ansätze in ethischer Pädagogik. „Für die tagtäglichen Erfahrungen, die persönliche Entwicklung, das kognitive Lernen und die demokratische Sozialisation der Kinder und Jugendlichen ist die Qualität pädagogischen Handelns von existenzieller Bedeutung. Sie ist biografisch und gesellschaftlich folgenreich. Darum gehört zur Pädagogik die Frage, wie sie auf verantwortliche Weise gut gestaltet werden kann. Eine ethisch orientierte Pädagogik fragt, wie gute und schlechte Handlungsweisen unterschieden werden können.“[4]

Prengel thematisierte, „was heute wichtiger denn je für gelingenden Unterricht in unserer heterogenen Gesellschaft ist“ (mwfk.brandenburg.de). Das bezieht sich nicht nur auf Schule und Unterricht, sondern auch auf die tägliche Erziehungspraxis in Familie und Gesellschaft (z.B. In Vereinen).

Auf diesem Hintergrund ist das in der Studie der Bertelsmann-Stiftung dokumentierte „pädagogische Fehlverhalten“ unverständlich. Berichtet wird von „alarmierenden Zahlen“.[5] Fast täglich sähen sich Teammitglieder genötigt einzugreifen, um die Kinder emotional oder körperlich vor verletzendem und übergriffigem Verhalten des Personals zu schützen. „In den meisten Kitas herrscht kein Konsens darüber, wie man angemessen mit den Kindern umgeht. – So zumindest erleben es die Mitarbeitenden. Diese Erkenntnis ist erschütternd, sie bietet aber auch großes Veränderungspotenzial. Hier könnte man ansetzen, die Fachkräfte fortbilden, ihnen mehr Sicherheit geben und die Teamarbeit stärken.“[6] Als Beispiel führt Schoener die Kinderschutz-Abteilung bei Fröbel an. Eine weitere Möglichkeit bieten die Reckahner Reflexionen, die Leitlinien für ethische Aspekte in pädagogischen Berufen beinhalten.

Prengels Werke, die auf  Befunden aus dem Projektnetz „INTAKT“ u.a. basieren, stellen den in der Ausbildung befindlichen Erzieherinnen und Erziehern sowie Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen ethisch fundierte Handlungsoptionen bereit. Es ist an der Zeit, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen konkrete Handlungsoptionen ableiten zu können. Gute Ergebnisse zu erzielen scheint aber in der Praxis  nicht so einfach durch Workshops und Weiterbildungen realisierbar. „In fast allen Kitateams besteht Uneinigkeit darüber, was ein angemessener Umgang mit Kindern bedeutet“, obwohl in der Literatur genügend Beispiele angemessenen sowie unangemessenen Verhaltens aufgeführt werden.[7]

In Reckahn bei Potsdam mit seinem Schulmuseum und dem Rochow-Museum hat Prengel zusammen mit ihrem Mann, dem Bildungshistoriker Hanno Schmitt und einer Gruppe hochrangiger Bildungsexperten einen kulturellen Erinnerungsort und eine dort ansässige Weiterbidungsstätte geschaffen. Angebote gibt es für Grund- und Oberschulen, Gymnasien, Studierende und Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte.[8] Ebenfalls werden Online-Kurse und Materialien, die sich mit dem Thema ethischer pädagogischer Beziehungen befassen, angeboten.

Reckahn ist ein Ort, der über die Grenzen Brandenburgs hinaus Bedeutung erlangt hat. Im Mai 2022 erhielt ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen eine exklusive Führung durch diesen einzigartigen Erinnerungsort. Der Gründer und Initiator des Museums, der Bildungshistoriker Prof. Dr. Hanno Schmitt,  nahm sich Zeit für ein längeres Gespräch, führte uns persönlich, zeigte uns auch das historische Schulhaus sowie den angrenzenden Park.[9]

Ein Beispiel gelungener ethisch wertvoller Erziehungspraxis bereits im 18. Jahrhundert war der Unterricht des Lehrers Heinrich Julius Bruns: „Wie in der Aufklärungspädagogik insgesamt war der selbsttätige Schüler ein ganz zentrales Unterrichtsziel: «Man hat es dahin gebracht, dass die Schule […den Schülerinnen und Schülern] ein angenehmer Aufenthalt ist, und dass jede Beschäftigung in derselben ihnen zum Vergnügen gereicht. Der größte Teil der Kinder eilt daher wirklich mit Freuden zum Unterricht, und nimmt mit einem heiteren Gesicht daran Theil. Die Beispiele sind nicht selten, dass Kinder, die etwa zu Hause gebraucht werden sollen, ihre Eltern gebeten haben, sie die Schule nicht versäumen zu lassen. […] Ja schon bey den Kleinsten äußert sich diese Liebe zur Schule.“[10]

Die bedeutsamen Werke von Prengel, Winklhofer und dem Team können eine wertvolle Grundlage für die in der Ausbildung befindlichen Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen darstellen. Es ist an der Zeit, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen konkrete Handlungsoptionen ableiten zu können. „In fast allen Kitateams besteht Uneinigkeit darüber, was ein angemessener Umgang mit Kindern bedeutet“, obwohl in der Literatur genügend Beispiele angemessenen sowie unangemessenen Verhaltens aufgeführt werden.[11]

Nun ist die Ursache dieser Missstände in den Kitas aber nicht nur beim Personal zu suchen, sondern die privaten un d öffentlichen Träger sind in der Verantwortung, für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Wenn die Gruppen zu groß sind und der Arbeitsaufwand einfach nicht mehr zu bewältigen ist, erhöht sich der Krankenstand. Dann steht noch weniger Personal für die Kinder zur Verfügung. In Finnland oder Norwegen gibt es Gruppengrößen von 6 Kindern, bei uns sind es 15.

Neuere Studien vom Januar 2026 zufolge sei „ein Großteil der Kindertagesstätten in Deutschland (…) von Personalmangel betroffen. Lediglich jede siebte Einrichtung verfüge über die wissenschaftlich empfohlene Personalbesetzung, um eine gute frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung zu gewährleisten.“[12] Es wird darauf hingewiesen, dass der Personalmangel negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder haben kann zumal es in der Untersuchung heißt, daß „für eine hochwertige Förderung von Kindern mit besonderen pädagogischen Anforderungen“ zusätzliche Personalstunden erforderlich sind. Nur dann könne eine kindgerechte frühe Bildung erreicht werden, „wenn die Mitarbeitenden pädagogisch qualifiziert seien und die Teamprozesse gut funktionierten.“[13] In 2024 verfügten jedoch ein Drittel der Kitas in einigen Bundesländern „über die bestmöglichen Personalressourcen“.[14]

 

[1] Prengel, A.: Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz, Verlag Barbara Budrich, Opladen, Berlin, Toronto 2013, S. 15.

[2] Prengel, a.a.O., S.115.

[3] Prengel, A., Winklhofer, U. (Hrsg): Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen, Band 2: Forschungszugänge, Verlag Barbara Budrich, Opladen Berlin Toronto 2024, S. 12.

[4] Prengel, A.: Ethische Pädagogik in Kitas und Schulen, Beltz, Weinheim Basel, 1. Aufl. 2020, S. 7.

[5] Schoener, J.: Wenn die Erzieherin schubst, in: Zeit N° 53 vom 11. Dezember 2025.

[6] Schoener, a.a.O.

[7] Vgl.: Prengel: Pädagogische Beziehungen …, a.a.O.

[8] https://reckahner-museen.byseum.de/ Zugriff am 3.1.2026.

[9] https://magnifikat.de/wp-content/uploads/2021/04/Rochow-Musem-Reckahn.pdf

[10] Tosch, F. (Hrsg): »Er war ein Lehrer« Heinrich Julius Bruns (1746-1794), Beiträge des Reckahner Kollegiums anläßlich seines 200. Todestages, Universität Potsdam 1995, S. 28.

[11] Vgl.: Prengel: Pädagogische Beziehungen …, a.a.O. sowie Prengel, Ethische Pädagogik.

[12] www.zeit.de vom 28.01.2026: Großteil der Kitas laut Studie von Personalmangel betroffen, Zugriff am 31.1.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

Schreibe einen Kommentar