Toleranz

„Die Toleranzfrage stellt sich erst nach Beseitigung der Vorurteile, aufgrund deren eine Minderheit zunächst diskriminiert worden ist.“ Mit Toleranz ist nach Habermas die Zumutung verbunden, die in der Konsequenz bestehe, „dass die von der eigenen Religion vorgeschriebene Lebensweise oder das dem eigenen Weltbild eingeschriebene Ethos einzig unter der Bedingung gleicher Rechte für jedermann realisiert werden dürfen. Allen Bürgern wird diese Bürde symmetrisch auferlegt. (…)
Stellen wir uns vor, dass eines Tages die Diskriminierung nicht nur von Frauen, Homosexuellen und Behinderten, sondern auch von Gruppen, die eine starke kollektive Identität ausgebildet haben, abgeschafft wäre. Versetzen wir uns in die ideale Lage, in der eine kulturelle Mehrheit mit ihren rassischen, ethnischen, sprachlichen oder nationalen Minderheiten im Zustand nicht nur eines ungekränkten Nebeneinanders, sondern des gleichberechtigten Miteinanders existieren würde. Selbst dann würde sich die Art von kognitiven Dissonanzen, die wir von Spannungen zwischen Religionsgemeinschaften kennen, nicht einfach aufgelöst haben.
So besteht auch keine Schwierigkeit anzuerkennen, dass ein fremdes Ethos für den anderen dieselbe Authentizität hat und denselben Vorrang genießt wie das eigene Ethos für einen selbst.“
Nach Habermas handelt es sich bei tolerantem Denken und Handeln demnach nicht um eine bloße Duldung, sondern erst die Ablehnung anderer Lebensweisen und Überzeugungen mache Toleranz notwendig.

Auszüge aus dem Festvortrag von Habermas zum Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 29.06.2002

Jedoch: Ist Duldung so negativ zu bewerten wie es in Christ und Welt (48/2014) anklingt?

„Duldung, nein danke“ lautet die Überschrift. In Eph 4,1 heißt es: „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe.“ Einander ertragen in Geduld und Liebe ist nach Paulus Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Nicht erst wenn wir alt und gebrechlich sind oder durch andere Umstände auf Hilfe von Mitmenschen angewiesen sind, sondern immer und in jeder Situation sind wir auf Duldung angewiesen. „Menschen erreichen den höchsten Sinn von sich selbst, wenn sie in Funktion der anderen, die sie vor sich haben, leben.“[1]

[1] The Dialogic Self: Reconstructing Subjectivity in Woolf, Lessing, and Atwood

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