Pegida und AfD

Dezember 19th, 2014

aktualisiert am 07.03.2016

Pegida ist lt. Zeit-Kommentar ein diffuser Zusammenschluss unterschiedlicher Strömungen, meist von rechts aber auch aus dem linken Lager, sie ist eine „Zulaufgemeinschaft politischen Missbehagens“ (Zeit 52/14). Die Ängste der Menschen zu verstehen und ihnen zu begegnen dürfte die Hauptaufgabe der Politik sein, die es in den vergangenen 25 bis 30 Jahren versäumte, auf die Bedürfnisse der Menschen insbesondere nach der friedlichen Revolution von 1989 einzugehen. Man erklärte die ehem. DDR kurzerhand zum „Beitrittsgebiet“, wickelte vieles ab und ließ die Menschen, vor allem die Jugend, allein. Was dabei heraus kam, war eine Radikalisierung junger Menschen als Folge von Orientierungslosigkeit und auch Perspektivlosigkeit. Diese Angst „irrational“ zu nennen (C&W 52/2014), die Pegida-Bewegung oder den „Friedenswinter“ pauschal in irgendeine Ecke zu drängen oder gar auszugrenzen, hilft nicht weiter. 15.000 Demonstranten und 85.000 Fecebook-Freunde sprechen eine deutliche Sprache: Versteht uns in dieser Republik überhaupt jemand? „Hier soll nicht mehr argumentiert werden“ (Maas) ist eine verkehrte Haltung. Neutral bleiben ist auch keine Option. Ich stimme Göring-Eckardt zu, wenn sie den Ausschluss der AfD auf dem Katholikentag 2016 für richtig hält. „Gerade wenn die Stimmung aufgeheizt wird, ist es gut, wenn wichtige gesellschaftliche Anker Haltung haben und diese auch offen zeigen.“ (C&W N°10 v. 25.02.2016). Sie verteidigt jedoch ihre Gesprächsbereitschaft z.B. bei Talkshows. Das Gespräch nicht abbrechen und gerade deswegen Haltung bewahren. Finde ich gut. 40 Jahre unterrichtete ich an unterschiedlichen Gesamtschulen Berlins Gruppen, in denen meist muslimische Zuwanderer die Mehrheit bildeten. Bei manchen Themen (z.B. Rolle der Frau) hielt ich im Unterricht voll dagegen und wurde trotzdem akzeptiert. Konflikte unter Muslimen und Deutschen gab es nicht, jedoch unter Arabern und Türken. Wenn die Situation nicht weiter eskalieren soll, muss miteinander geredet, argumentiert werden. Verharmlosung und Sprechverbote heizen die Stimmung nur noch mehr an. Deutschland und die EU braucht Einwanderung und aus humanitären Gründen Flüchtlinge aufzunehmen ist unsere Pflicht. Dass so etwas nicht zum Nulltarif geht, leuchtet ein. In Deutschland gibt es eine sehr hohe Bereitschaft, Bedürftigen zu helfen, wenn miteinander kommuniziert wird.

Whistleblower

Juli 8th, 2014

Sie verteidigen unsere Freiheit und erobern moralische Standards zurück

Freiheit ist Leben. Nicht zuletzt wird eine Verurteilung mit Gefängnis als Freiheitsentzug bezeichnet. Neben der Freiheit des Denkens, der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Religionsfreiheit, usw. ist auch die Wahrung der Privatsphäre dazu zu rechnen, alles Grundrechte, die niemand dem Menschen beschneiden darf, die nicht zur Disposition stehen.“Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 12). Trotzdem meinen manche, die ebenfalls diese Freiheiten in den „freiheitlichen Demokratien“ genießen, diese in den vergangenen Jahrzehnten von vielen Menschen unter Einsatz des eigenen Lebens verteidigten Grundwerte des Menschen mit Füßen treten zu können. Die Privatsphäre gehört zu den elementaren Grundrechten. Sie ist Teil der Identität von Menschen. Eine der effektivsten Foltermethoden totalitärer Systeme ist die systematische Beschneidung bzw. der Entzug der Privatsphäre. Ein Schritt auf dem Weg zur Vernichtung von Menschen, ein entscheidender, denn er nimmt Autonomie, Würde, Selbstbestimmung. Genau dieses beabsichtigen heutzutage sogar demokratisch legitimierte Staaten bzw. deren Organe. „Es ist eine Aushebelung des Rechtsstaats und ich glaube, dass sich ziemlich viele Menschen, die politisch aktiv sind, in einer solchen Umgebung unsicher fühlen müssen, nicht nur ich. Denken Sie an das jetzt enthüllte Ausmaß der Überwachung. Es ist eine unfassbare Verletzung des Grundrechts auf Privatheit und informelle Selbstbestimmung. Es verstößt, auch in Amerika, gegen die Verfassung. Wenn sie damit davonkommen, was passiert als Nächstes?“ (Sarah Harrison im Stern Nr. 50 2013 über die Antiterrorgesetze in Großbritannien) Whisleblower sind zu schützen und zu unterstützen, weil sie für die Achtung der Menschenrechte und der Freiheit kämpfen und dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Diejenigen, die Manning ins Gefängnis steckten, gehören selbst dorthin. Manning dagegen ist freizulassen, denn er hat sich verdient gemacht für freiheitlich demokratische Werte, für die Zivilgesellschaft wie Snowden und andere Whisleblower. Ein Gerüst von Grundordnungen, dazu zählt auch und vor allem die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 (die Rede- und Glaubensfreiheit und die Freiheit vor Furcht und Not gelten als „das höchste Streben des Menschen“), wurde nach dem 2. Weltkrieg in vielen Ländern zum Schutz der Menschen vor Willkür anerkannt, auch von den USA. Unter diesem Schirm konnte man sich bis vor einigen Jahren zumindest in den freiheitlichen Demokratien noch ziemlich sicher fühlen. Heute wird von den Geheimdiensten, und nicht nur von denen, allenthalben darüber hinweg gegangen, werden diese Werte dem sog. „Kampf gegen den Terrorismus“ untergeordnet. Man spricht – harmlos ausgedrückt – von Demokratieverlust. „Mehr Demokratie wagen“, ein heute oft wiederholtes Zitat von Willi Brandt, bedeutet kein Wagnis, sondern ist das Gebot der Stunde, ist für die verloren gegangene Glaubhaftigkeit in der Politik ein Wiedergewinn von Zustimmung und Vertrauen.

Man muss Angst haben um Frau Harrison. Sie fühlt sich in Berlin sicher. Wer sagt aber, dass nicht ein Kommando hierher geschickt wird, um sie zu entführen und in England oder den USA ins Gefängnis zu stecken bzw. nach Guantanamo zu verschleppen? So, wie man es bereits mit einigen anderen Menschen machte, gegen die noch nicht einmal hinreichende Verdachtsmomente bestanden, bei denen erst lange nach ihrer Internierung ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren, z.T. durch Recherchen von Journalisten festgestellt wurde, dass sie nichts mit Terrorismus zu tun hatten. Das sind nicht nur Verstöße gegen die Verfassung, sondern das sind bereits handfeste kriminelle Machenschaften – von Organen (sog. Geheimdiensten), die einer demokratisch legitimierten parlamentarischen Kontrolle unterliegen sollten, eigentlich!?! Es kommt immer darauf an, von welchem Gesichtspunkt bzw. Standpunkt aus ein „Geheimnisverrat“ als solcher zu bezeichnen ist. Spioniert nicht jeder jeden aus? Wer oder was ist da heute noch zu bestrafen? Zu verteidigen und zu respektieren sind, darüber sind sich alle einig, in jedem Fall, überall und immer die grundlegenden Rechte eines jeden Menschen, egal ob Mann, Frau, Schwarzer oder Weißer. Es wurde und wird viel darüber diskutiert, wie man derartige Greueltaten wie sie im 2. Weltkrieg begangen wurden, in Zukunft verhindern kann. Erinnern ist eine Möglichkeit, greift aber nicht so richtig, wie man sieht. Vielleicht ist das, was Kærgaard sagt, erfolgversprechender: „Moralische Standards zurückzuerobern: Darum geht es beim Whisleblowing.“ Weil das Bewusstsein, gegen Unrecht anzukämpfen, in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Vielleicht riskieren deshalb Whisleblower viel, u.A. den Verlust von Freunden, des Jobs, usw. Der Gewinn an Selbstachtung ist nicht zu unterschätzen und auch an moralisch-politischer Unterstützung einer immer größer werdenden Öffentlichkeit, die bereit ist, in diese moralischen Standards zu investieren.

Lehrer/Lehrerin

Juli 5th, 2014

Wertschätzung, Achtung

In der Praxis bekommt man als Lehrerin/Lehrer sehr wenig positives Feedback. Umso mehr freut man sich über Wertschätzung wie in den beiden folgenden Beispielen:

Vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft wird der Lehrerberuf bezeichnet als der „härteste Job der Welt“ (2. Bildungsmagazin CARTA). Was unsere Zivilgesellschaft am dringendsten braucht, sind engagierte, motivierte Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, die positive Werte vermitteln. Das ist ganz zentral.

Katrin Göring-Eckardt in „Die Zeit“ Nr. 28 v. 3. Juli 2014 (ich gebe hier ihren originalen Wortlaut wieder, ohne Kürzungen):

„Ich wäre gern Lehrerin geworden. Als ich den Wunsch als Schülerin in der DDR geäußert habe, hat mich meine Deutschlehrerin gewarnt: „Das kannst du nicht, du müsstest den Schülern wegen der DDR-Ideologie immer wieder anderes sagen und beibringen, als du selber denkst.“ Das wäre wohl heute kein Hinderungsgrund mehr. Und irgendwie gibt es diese Sehnsucht noch immer. Kinder und Jugendliche dabei zu begleiten, wie sie lernen und leben, wie sie diejenigen werden, die sie sein wollen – das ist eine großartige Vorstellung. Ich finde es spannend, mitzuerleben, wie sie eigene Werte entwickeln; ich würde sie fragen, was sie von sich erwarten – und ihnen helfen, ihre Neigungen zu entdecken. Vielleicht ist das eine ziemlich romantische Vorstellung vom LehrerInnenberuf. Jedenfalls habe ich höchsten Respekt vor Lehrkräften, die sich immer wieder liebevoll, kreativ und motiviert in einen der wichtigsten Jobs stürzen.“

 

 

zur aktuellen Diskussion über Schulleiter

Juni 25th, 2014

Wieder mehr Kollegialität wagen

Den meisten Schulleitern fehlt es nicht an Managementqualitäten, sondern, im Gegenteil, an Sozial- und demokratischer Kompetenz. Eine „produktive Lernumgebung“ zu schaffen, gelingt leider selten, weil Qualitäts- und sonstiges Management, Evaluationen sowie äußere Strukturreformen ein Übergewicht in der Schulleiteraus- und Weiterbildung und in der täglichen Praxis einnehmen. Spätestens seit Hattie wissen wir jedoch, dass die „emotionale Seite“ (Respekt, Wertschätzung, Fürsorge, Vertrauen) ausschlaggebend für gelungenen Unterricht ist. Es liegt auf der Hand, dass o.g. Qualitäten auch für ein gutes Arbeitsklima im Schulkollegium sorgen. Zurecht wird die Frage gestellt, warum die Schulverwaltungen trotzdem immer weiter an Strukturreformen festhalten (Zeit Nr. 2 2013).

In den letzten Jahrzehnten folgte ein Dogmatismus dem anderen. Lehrerinnen und Lehrer wurden verschlissen, zuletzt im sog. „Pisa-Schock“, dem eine Welle von schnell und unpräzise am grünen Tisch aufgestellten sog. „Reformen“ folgte. In 10 Jahren 24 dieser sog. Reformen in Berlin zu bewältigen, überfordert heute noch viele Kollegien und brachte hunderte von Pädagogen an ihre Leistungsgrenze. Nicht umsonst titeln die Medien im Herbst 2012, die Lehrer endlich einmal in Ruhe arbeiten zu lassen. Jede neue Ideologie wurde als die beste Methode bzw. Didaktik angepriesen. und von den Schulverwaltungen durchgesetzt.

Unumstritten ist der Wohlfühlfaktor bei den Mitarbeitern für eine erfolgreiches Vorankommen einer Firma bzw. einer Schule. Stattdessen setzen Schulverwaltungen auf Qualitätsmanagement in neuen Organisationsstrukturen, indem sie sich am Management der Wirtschaft orientieren. Das kann im Rahmen der allgemeinen Bildung innerhalb von Schulen, wo man es mit heranwachsenden Menschen zu tun hat, nicht gut gehen. In den Bildungsministerien wundert man sich, warum die Strukturreformen nicht greifen und beauftragt die medizinische Fakultät von Universitäten zur Einrichtung von Instituten für die Lehrergesundheit. Solange Schulleiter ihre Gesamtkonferenzen (Konferenz aller Lehrerinnen und Lehrer sowie Vertreter der Eltern und Schüler) übergehen und selbstherrlich entscheiden, kann kein Vertrauen im Kollegium entstehen und die Optimierung von Ressourcen bleibt ein schöner Traum. Viele Schulleiter sehen sich als Erfüllungsgehilfen der jeweiligen Schulverwaltungen, was nicht ihre Aufgabe ist. Vielmehr sollten sie alles daran setzen, ihre Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen in einem nicht leichten Beruf. Anstatt sich als Kollege zu verstehen, sich vor das Kollegium zu stellen als Primus inter Paris stellen sie die disziplinarische Verfügungsgewalt in den Vordergrund. Solange Schulleiter auf diese Weise agieren, kann kein echtes Schulleben entstehen, kann nicht Freude am Beruf und Engagement erwartet werden. Von einer „kollegialen Schulleitung“ wie wir sie vor einigen Jahren noch hatten, kann heute keine Rede mehr sein. Dafür ist ein Mangel an demokratischen Kompetenzen festzustellen. Dieses Phänomen hat ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Dimension und stellt eine besorgniserregende Entwicklung dar, einen Rückschritt in autoritäre Führungsstrukturen und das angesichts einer Wirtschaft, die immer mehr auf Kooperation, Teamfähigkeiten und Mitsprache von Seiten der Mitarbeiter setzt. In Schule und Unterricht geht es immer um Vorbilder, wo junge Menschen lernen sollen, in wertschätzender demokratischer Weise miteinander umzugehen.

Kinder, insbesondere in der Pubertät, „funktionieren“ nicht wie von den Erwachsenen erwartet. Diese allgemein bekannte Tatsache trifft jedoch in gleicher Weise auf kritisch denkende, mündige Erwachsene zu. Dem muss eine gute Führungskraft Rechnung tragen. Motivation und Interesse (am Unterrichtsstoff) lassen sich nicht herbeizwingen. Es liegt auf der Hand, dass auch bei Erwachsenen ein autoritäres Sanktionssystem eher auf Widerstand als auf Zustimmung stößt. Vertrauen schaffende Maßnahmen, Verständnis, eine Kultur der Wertschätzung wieder neu zu etablieren zählen zu den Hauptaufgaben zukünftiger Führungskräfte, will man die Zeit nicht verschlafen.

Diese Kompetenzen zu stärken, die in einigen Bereichen unserer Gesellschaft Mangelware geworden zu sein scheinen, zählen im Ethikunterricht der Berliner Schule zu den erlernenden Schlüsselqualifikationen. Sie sollten eigentlich in jedem Unterricht Vorrang vor der Erfüllung festgeschriebener sog. Standards oder Lehrpläne haben. Auf diesen Kompetenzbereich kann nirgends in der Wirtschaft mehr verzichtet werden.

Auf einem Berufsfeld, wo es keinen Druck zur Erhaltung der Wirtschaftskraft gibt, sondern wo emotionale Kompetenzen ausschlaggebend für Erfolg sind (Hattie), auf das Gegenteil, auf immer mehr Evaluationen, die als zusätzlicher Stressfaktor verstanden werden (die Arztpraxen sind voller Schüler und Lehrer) zu setzen, ist der falsche Ansatz. Das unmittelbare Feedback durch die Lehrperson

Die Schulleitung, die in den meisten Schulen aus mehreren Personen besteht, sollte ein gern gesuchter Anlaufpunkt für die Probleme der Lehrerinnen und Lehrer sein, wo man in kollegialer Zusammenarbeit nach Lösungswegen sucht. Natürlich soll eine gute Schulleitung abwägen können müssen zwischen den konkurrierenden Interessen der Lehrer als auch der Schüler sowie deren Eltern und nicht sich auf eine Seite schlagen weil dies gerade bequemer erscheint. In Deutschland sollte wieder zurückgekehrt werden zu einem kollegialen Miteinander zwischen Schulleitung und Kollegium, um die aktuellen Herausforderungen der Schulen effektiver bewältigen zu können.

Die Motivation, Verantwortung zu übernehmen, ist bei vielen jungen Lehrerinnen und Lehrern vorhanden, jedoch sind allzu rigide Verwaltungsstrukturen und Vorgaben und ein immer größer gewordener Aufgabenbereich eher ein Hinderungsgrund für junge Lehrer geworden, sich für eine Schulleiterstelle zu bewerben. Die vielen seit Jahren offenen Stellen sprechen eine deutliche Sprache. Zudem sind die Aufstiegsmöglichkeiten im Lehrerberuf so gering wie in kaum einem anderen Bereich. Unter Anderem ist der Mangel an Führungspersonal in deutschen Schulen auch daraus erklärbar. Die Gesellschaft braucht dringend gute, verständnisvolle Pädagogen.

Ralf Kennis, 40 Jahre Lehrer für Französisch und Ethik i.R., 30 Jahre Rektor (Fachbereichsleiter Sprachen an Berliner Gesamtschulen), Tätigkeit in Lehreraus- und Weiterbildung, Ausbildung von Fachbereichsleitern, 23 Jahre Austausch mit einem Collège in Südfrankreich, 15 Jahre ehrenamtliche Jugendarbeit, internationale erziehungswissenschaftliche Forschungstätigkeit, Mitglied von eduforunity.org, Veröffentlichungen in ww.kennis.de

über Schuld

Juni 25th, 2014

Schätzing, Frank: Limit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011, S. 608 f.

 

(…) denn Joanna schlug ins andere Extrem: Sie empfand so gut wie niemals Schuld. Man mochte ihr deswegen Selbstgerechtigkeit vorwerfen, doch war sie weit davon entfernt, amoralisch zu handeln. Es mangelte ihr einfach am Schuldsein, in das Kinder hineingeboren werden. Vom Tag an, da man das Licht der Welt erblickte, fand man sich im Zustand des Ermahnt- Belehrt- und Ertapptwerdens und notorisch Unrechthabens, war man Urteilen unterworfen und Korrekturen ausgesetzt, die allesamt darauf abzielten, aus einem fehlerhaften Menschen einen besseren zu machen. Der Grad der Verbesserung bemaß sich daran, wie sehr man nach den Vorstellungen anderer schlug, ein Experiment, das nur scheitern konnte. Meist scheiterte es für alle Beteiligten. Begleitet von guten Wünschen und stummen Vorwürfen begab man sich schließlich auf seinen eigenen Weg und vergaß, dem Kind in sich Absolution zu erteilen, das gewohnt war, für Alleingänge gescholten zu werden. Den Kreuzgang des „Ich muss, ich sollte, ich darf nicht“ durcheilend gelangte man nie irgendwo anders als dorthin, wo man vor langer Zeit losgelaufen war, ganz gleich, wie alt man dabei wurde. Ein Leben lang sah man sich durch die Augen anderer, maß sich an den Maßstäben anderer, bewertete sich am Wertekanon anderer, verurteilte sich mit der Empörung anderer, und nie genügte man.

Nie genügte man sich selbst.“

 

Pisahysterie

Juni 25th, 2014

zur aktuellen Pisastudie

„The more students are grouped by ability, the lower their motivation to learn.“ (Dylan, William, renommierter britischer Erziehungswissenschaftler zur Pisa-Studie auf Twitter). Schwächen dieser Studie zeigt auch der Bildungsforscher Prenzel auf (Zeit Nr. 50, S. 86 f), wenn er den Auftrag von Pisa in erster Linie beim „messen“ sieht. Es werden ausschließlich kognitive Fähigkeiten gemessen. Soziale Kompetenzbereiche, wie z.B. Teamfähigkeit, die in der Wirtschaft mindestens genauso gefragt sind, können nicht gemessen werden.

Die Beachtung der Ergebnisse der Pisa-Studie in Deutschland ist total überzogen. Nach dem „Schrei des Entsetzens“ und dem so genannten „Pisa-Schock“ vor zwölf Jahren setzte eine regelrechte Pisa-Hysterie ein. In 10 Jahren setzte die Berliner Schulverwaltung Schüler, Lehrer und Eltern mit über 24 strukturellen Reformen unter erheblichen Druck, was teilweise krank machte. Nachdem immer mehr Lehrerinnen und Lehrer krank wurden, sahen sich die Schulverwaltungen einiger Bundesländer gezwungen, etwas für die Gesundheit dieser Berufsgruppe zu tun, um ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Fürsorgepflicht nachzukommen. Ganze Institute widmen sich aktuell der Lehrergesundheit.

Erst vor Kurzem bewies Hattie in seinen Metastudien, dass nicht Strukturreformen, sondern der Lehrer ausschlaggebend für den Lernerfolg sei. Hattie spricht von Empathie, Zuwendung, Verständnis und einem guten Feed-Back, während die deutschen Reformer am grünen Tisch Maßnahmen aus dem Wirtschaftsmanagement bemühten wie z.B. Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement, was m.E. auf die Schule angewandt vollkommen verfehlt ist, weil es im Umgang mit Heranwachsenden andere Kriterien gibt, die wesentlich wichtiger für die Entwicklung Heranwachsender sind. Jetzt euphorisch von einem „Seufzer der Erleichterung“ zu sprechen erscheint sehr übertrieben.

Herr Kerstan disqualifiziert sich selbst (Zeit Nr. 50, S. 85), wenn er den Lehrern bescheinigt, mit den Bildungsstandards nichts anfangen zu können, wo doch die Fachkonferenzen seit Jahren diese Standards im jeweils eigenen Fach umsetzen, ggfs. neu formulieren, sie in Form von Jahresplänen ins Internet stellen (ist alles nachzulesen) und sie den Eltern und Schülern versuchen zu erläutern.

Doktortitel, sind sie noch erstrebenswert?

März 6th, 2013

Die zum Teil widersprüchlichen Meinungen der Wissenschaftscommunity (s. Tagesspiegel Nr. 21 v. 04. März 2013)  dokumentieren, wie unterschiedlich und kontrovers das Verfahren gegen Schavan aus der Perspektive des jeweiligen Fachgebietes gesehen und beurteilt werden kann. Einig sind sich alle in einem Punkt: Die Einrichtung einer Zentralstelle für die Überprüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens wird abgelehnt. Die Begründungen dazu leuchten ein, jedoch schon bei der Frage der Feststellung von Textähnlichkeiten herrscht Uneinigkeit. Erst recht, wenn Zweifel darüber geäußert werden, was denn nun wirklich als ein Plagiat zu identifizieren sei (Dannemann). Handelt es sich um ein wörtlich abgeschriebenes Zitat, liegt der Sachverhalt auf der Hand. Kaum eine Doktorarbeit wird jedoch ohne Paraphrasierungen auskommen, jedenfalls nicht in den Geisteswissenschaften. Jeder, der schon einmal eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben hat, weiß, dass neben dem immensen Arbeitsaufwand aus der Vielzahl von Texten, die zu einer Doktorarbeit gelesen und durchgearbeitet werden müssen, Formulierungen im Gedächtnis haften bleiben, von denen man nachher nicht mehr weiß, wo sie gestanden haben. Newton sagte einmal: „Wir stehen auf den Schultern von Giganten. Deswegen können wir weit sehen.“ (Hier bin ich mir auch nicht sicher, ob ich wörtlich zitiert habe oder ob Newton das in ähnlicher Weise formulierte. Vielleicht habe ich ein Wort zu wenig oder eines zu viel zitiert oder die Anführungszeichen falsch gesetzt!) Damit wollte Newton sagen, dass unser Wissen geprägt ist von vielen Menschen, die vor uns schon nachgedacht haben und dass wir im Grunde wenig „aus uns selbst“ formulieren.

Welche Kriterien sollen Anwendung finden bei der Beurteilung von Plagiaten?  Standards können aufgestellt werden, ich bezweifle aber, dass die existierenden „Qualitätsstandards bei wissenschaftlichen Arbeiten“ einzuhalten ausreicht, um zu „einheitlichen Regeln für Promotionen gelangen“ zu können (Kempen). Und: Haben die zuständigen Gremien der Düsseldorfer Universität wirklich „alle wissenschaftlichen Standards eingehalten“ (Hartmann)? Die Problematik ist sehr komplex. Jedenfalls ist das Ganze dann völlig abwegig, wenn Vergleiche wie die mit einem Auto-Blitzer angestellt werden. An der Vermutung, dass 990 von 1000 Hochschullehrer Schavans Arbeit nicht durchgehen lassen würden (Rieble), ist ebenfalls Zweifel angebracht. Wenn noch nicht einmal eindeutig geklärt werden kann, was ein Plagiat in Wirklichkeit ist, dann ist die Frage berechtigt, ob Frau Schavan wirklich plagiiert hat. Die Wissenschaft hat Schaden erlitten, was aber noch viel schwerer wiegt: Hier sollte ein Mensch zerstört werden. Nicht umsonst titelt das Ausland (z.B. die New York Times), Deutschland sei ein Land der Missgunst geworden. Allen denjenigen, die Schavans Rücktritt forderten, wünsche ich nicht, was ihr zugemutet wurde. In meinen Augen ist an der Integrität von Frau Schavan kein Zweifel angebracht.

Ich persönlich bin froh, keine Doktorarbeit geschrieben zu haben, obwohl ich das schon einmal vorhatte. Genauso geht es einigen meiner Freunde.

über das Lernen oder die Schulpolitik macht Lehrer und Schüler krank

Februar 7th, 2013

Seit John Hattie müssen wir Schule und Lernen neu überdenken, nicht dogmatisch, nicht in sog. „neuen“ Lern- und Lehrformen, nicht in strukturellen Reformversuchen, sondern der Lehrer und seine Beziehungen stehen im Vordergrund. www.kennis.de

40 Jahre lang, mein gesamtes Berufsleben, löste eine Ideologie die andere ab. mehr

Kein Mensch kann in seinem Berufsleben mehr als eine große Reform aktiv mitgestalten. Zu Beginn der Gesamtschulreform Anfang der 1970er Jahre trafen wir uns am Sonntagmorgen bei einem Kollegen/einer Kollegin bei frischen Brötchen und Kaffee, um „neue“ Curricula zu entwickeln, die auf die Gesamtschüler zugeschnitten sind. Später wiederholten sich viele so genannte „neue“ Ansätze immer wieder, insbesondere nach dem Pisa-Schock reagierten die Schulverwaltungen über, so dass die ganze Arbeit nicht mehr zu schaffen war. Eine Konferenz jagte die andere. Ein Lehrer, eine Lehrerin kam nicht mehr dazu, vor allem wenn man in der Oberstufe unterrichtete, den Unterricht gewissenhaft vorzubereiten. Am Wochenende stapelten sich die Korrekturen, usw … An die Pflege von Freundschaften war und ist nicht mehr zu denken, Familien gingen kaputt, vieles andere trat hinter der Arbeit zurück … Eine Kultur der Anerkennung fehlte völlig bzw. sie war nur in Ansätzen bei einigen wenigen Schulleitern erkennbar. So wurde ein Lehrer nach dem anderen in die Krankheit getrieben.

Jetzt endlich, nach Jahrzehnten titeln Zeitungen und Zeitschriften: „Lasst die Lehrerinnen und Lehrer in Ruhe arbeiten.“ Ein Bildungsforscher, John Hattie, stellte nun in mehr als 800 Metaanalysen fest, dass es nicht auf die Methode oder eine bestimmte Didaktik (oft in dogmatischer Weise als „die Beste“ gepriesene) oder eine Unterrichtsform, sondern entscheidend auf den Lehrer/die Lehrerin ankommt. „Ohne Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen könne Unterricht nicht gelingen, schreibt er und belegt das mit eindrucksvollen Zahlen. (…) Lehrer haben einen überragenden Einfluss, den sie jedoch lediglich dann geltend machen können, wenn sie in jedem Augenblick an ihre Schüler denken.“ (Zeit Nr. 2 2013, S. 55,56) S. auch: www.kennis.de

Das ermutigt, das befreit. Für mich leider etwas spät. Ich wünsche der Schulpolitik, dass diese Erkenntnisse endlich durchgesetzt werden, dass die Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft „in Ruhe“ ihre verantwortungsvolle Arbeit leisten können.

Ruin der Bildung?

November 8th, 2012

Ruin der Bildung?

Ein Pädagoge hat nicht nur die Probleme der eigenen Klasse, sondern auch die aller Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzieherinnen im Auge.

Deutschland ist ein Niedriglohnland geworden, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind: Die Schere geht immer weiter auseinander, immer größer werdende Armut, auch Altersarmut (viele ältere Leute, die 45 bis 50 Jahre geschuftet haben, können sich noch nicht einmal ein Essen auswärts leisten geschweige denn verreisen, sie müssen sich mit 70,75 Jahren noch als Klofrau etwas dazu verdienen), jedes 5. Kind ist so arm, dass es sich noch nicht einmal das subventionierte Schulessen leisten kann, die Kinder kommen ohne Geld (können sich daher kein Mittagessen leisten) und oft ohne gefrühstückt zu haben, manchmal ungewaschen in die Schule.

Der Wirtschaft und einigen Wenigen geht es immer besser, jedoch die Allgemeinheit geht den Bach herunter (man spricht inzwischen von einem Ruin der Bildung aufgrund der Einsparungen in den letzten beiden Jahrzehnten; habe ich am eigenen Leib erfahren dürfen). Einige aktuelle Zahlen:
▪    Viele Arbeiter sind heute selbstständig und reisen in der ganzen Republik herum (fern von Familie und Kindern), um wenigstens 14 Tage im Monat Arbeit zu finden und die Familie ernähren zu können, ohne ausreichende Altersvorsorge geschweige denn eine Unfallversicherung abschließen zu können (man hofft, dass halt nichts schief geht),
▪    75%  aller neuen Jobs sind Zeitverträge (franz.: intérim),
▪    88%  aller Angestellten in Hoschulen sind befristet beschäftigt, das bedeutet: danach geht die Suche nach Arbeit von vorne los, Zitat: „es ist dieses sich immer wieder verkaufen müssen. Es macht mich traurig. Mir tut es weh, weil es nicht gut ist für mein Kind.“
▪    Deutschland hat 910.000 Leiharbeiter, „das verunsichert“ (ein Feinmechanikermeister mit zahlreichen Zusatzqualifikationen),
▪    8.189.000 Zeitarbeiter werden als „Jobwunder“ verkauft, die Arbeitslosigkeit sei so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr (sie bekommen weniger Gehalt für die gleiche Tätigkleit wie die Festangestellten und fühlen sich somit weder zur Belegschaft zugehörig noch als ein vollwertiger Mensch, außerdem hat diese nicht verlässliche Arbeitssituation gravierende Auswirkungen auf die Familienplanung, siehe oben, sowie die Kinder, die bildung und die gesamte Gesellschaft.

Hier bleibt die Fürsorge des Staates vollkommen auf der Strecke. Diese Politik riskiert sehenden Auges einen Ausverkauf der Bildung, einen Niedergang der Familie sowie der sozialen Strukturen, die Politik riskiert eine immer größer werdende Unmut durch die sozialen Ungerechtigkeiten. Deshalb: Indignez-vous! Empört euch! (Stéphane Hessel)

Die Hoffnung stirbt zuletzt, jedoch im Sinne unserer Mitmenschen, unserer „Nächsten“, müssten wir da nicht unsere Politiker ein wenig mehr aufrütteln? Wir Pädagogen können nicht tatenlos bleiben und uns in Theorien vertiefen – das ist auch wichtig, aber in erster Linie Strategien erarbeiten,  in welcher Weise zuerst wir selbst Unterstützung leisten können (falls der Beruf uns noch die Zeit und Kraft dazu gibt) und dann aber unmissverständlich, konsequent und mit Nachdruck die Politik auf diese Missstände aufmarksam machen, vor denen sie oft genug die Augen verschließt.

Über den Niedergang der demokratischen Kultur, demokratischer Regeln und Gepflogenheiten, wurde hier noch gar nichts gesagt. Das ist ein weiteres, noch anspruchvolleres Thema.

Empathie in der Klasse

November 8th, 2012

Empathie in der Klasse

Empathie ist m.E. ein ausschlaggebender, ein wichtiger Faktor  für einen erfolgreiche Arbeit mit der Jugend.

Unter E. wird allgemein verstanden die „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen.“[1]

Im Brockhaus steht u.A.: (…) In der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wird mit E. die Entwicklung der Vorstellung bezeichnet, die sich die Kommunikatoren von den Interessen ihres Publikums machen.[2]

Badea bezeichnet Empathie als eine Fähigkeit, die in nahezu allen Lebensbereichen entscheidend für den Erfolg ist. [E. gewinnt an Bedeutung vor allem in der Psychotherapie und der Wirtschaft] Menschen und vor allem Führungskräfte mit besonders ausgeprägten empathischen Fähigkeiten haben bessere persönliche Beziehungen, können sich selbst und andere stärker motivieren; sie lernen schneller und genießen ein größeres Vertrauen.[3]

Der Volksmund hat für E. verschiedene Sprichwörter: Z.B. Sich in die Haut des Anderen versetzen; sich in der anderen hinein versetzen, …

Es handelt sich um eine erzieherische Beziehung,  die zu einem Blick werden kann, der „mit Vorsicht umgibt“, wie es Heidegger definiert, der auf jede aufdringliche Geste von Zwang und Belehrung verzichtet, um in sich leer zu werden. Gerade dadurch kann  eben dieser annehmende Raum entstehen, der von Natur aus erzieherisch ist, der es also erlaubt, wie die Etymologie sagt, zu “er-ziehen“, also heraus ziehen, ein Unterfangen, das nur dann möglich ist, wenn der zu Erziehende frei dazu ist, sich darzustellen, zu vertrauen, Fragen zu stellen und sich selbst zu fragen. In diesem Raum kann er seine Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln. Die Bildung der Persönlichkeit wird gefördert. Es handelt sich nicht um eine einfache Option der Toleranz, sondern um eine Grundhaltung, die Dialog ermöglicht, Problemstellungen, Vorschläge, aber auch Kritik und die nötige Korrektur, jenseits einfacher Formen von Laisser Faire.

Erziehungswissenschaftler von EdU (eduforunity.org, eine Initiative der Fokolar-Bewegung) haben in einem Grundsatzreferat E. folgendermaßen definiert: „Die Realität ist der Ausgangspunkt der Erziehung. Das beinhaltet die Beobachtung, die Kenntnis der einzigartigen und immer neuen menschlichen Realität, mit der man es zu tun hat. Jedes menschliche Wesen, jede Umgebung und jede Situation (Lage, Umstand) ist einzig:“[4]

Auf die Frage: „Welchen Blick hat der Erzieher?“ Wird geantwortet: „Die Sichtweise des Erziehers ist nicht nur der Blick eines „Beobachters“ (ein beschreibender, kalter und desinteressierter Blick); er ist auch kein „Betrachter“ (der von weitem beobachtet, abstrakt und allgemein). Es handelt sich dagegen um einen Blick, der in der Lage ist, die Einzigartigkeit, die Größe jedes Einzelnen und die Komplexität des Erziehungsvorgangs selbst zu erfassen, eine Einstellung (Blick), die „Beziehung“ ist, denn der Erzieher  zeigt Interesse mit aufmerksamer Fürsorge[5]

„Der Anfangsblick des Erziehers muss bereits das fertige „Bild“, das „sein sollen“ der Realität, auf die sich der Blick richtet, beinhalten. Dadurch kann der Erzieher die Absicht/Intention und Verantwortung des eigenen erzieherischen Auftrags wahrnehmen.“[6]

„Wer mit Kindern zu tun hat, benötigt einen pädagogischen Blick“. Lenzen nennt diesen Blick auch „Sensibilität für Situationen und für andere Menschen“(S. 15), auch „pädagogisches Verständnis“(S. 17) oder „soziales Wahrnehmungsvermögen“(S. 17) in Bezug auf die Befindlichkeit des Einzelnen und fügt hinzu, dass nicht jeder diesen Blick besitzt, dass er jedoch erlernbar ist.[7]   

Diese Haltung dem anderen gegenüber und diese Art Beziehung zu gestalten bedeuten daher eine Erneuerung  der eigenen „Berufung“ des Erziehers.

„(…) nicht nur die Wissensinhalte verdienen eine Überprüfung auf gezielte Empathieschulung. Auch in der Didaktik (also der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens) bedarf es eines Umdenkens. So ergänzt und festigt die einfühlende Beziehung zwischen Lehrpersonal und Schülern die vermittelten Inhalte auf einer formal-theoretischen Ebene.“ (http://www.das-empathische-gehirn.de/blog/die-neue-bildungsstarre-oder-empathie-als-erziehungsziel-und-stil/)

So versuchte ich seit Beginn meiner Tätigkeit als Lehrer immer, eine positive Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern herzustellen, vor der Vermittlung von Lehrinhalten, weil ich der Auffassung bin und wie oben auch festgestellt, die Schüler nur dann bereit sind, etwas zu lernen und aufzunehmen, wenn meine Begeisterung auf sie übergegangen ist. In den letzten 4 Jahren musste ich jedoch immer häufiger feststellen, dass die Schüler nicht mehr in der Lage waren, eine Beziehung einzugehen. Ich habe Vieles versucht, fand aber zu einer immer größeren Zahl keinen Zugang mehr zu ihnen. Winterhoff spricht von Beziehungsstörungen, die gravierende Auswirkungen auf die spätere Arbeit sowie eine Partnerschaft haben.[8]


[1] Duden

[2] D.K. Berlo: The process of communication (N.Y. 1960).

[3] Leonardo Badea: The role of empathy in developing the leader’s emotional intelligence. In: Theoretical and Applied Economics, Vol. 17 (2010), No. 10, S. 69–78

[4] EdU, educationforunity.org, Pädagogik auf dem Weg von der Fragmentierung zur Einheit,  Rom im Mai 2004

[5] EdU …, a.a.O., S. 4

[6] EdU …, a.a.O., S. 3

[7] Lenzen, Dieter: Orientierung Erziehungswissenschaft, Was sie kann, was sie will, Rowohlt, Reinbeck 1999, S. 15ff

[8] Winterhoff, Michael: Persönlichkeiten statt Tyrannen oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen, Gütersloh 2010