Muslime in meinem Unterricht

Mai 12th, 2016

Bereits mehrmals wurde ich zu einer Stellungnahme über meine Erfahrungen mit muslimischen Schülerinnen und Schülern gebeten:

40 Jahre arbeitete ich als Lehrer an mehreren Berliner Gesamtschulen. In diesen vier Jahrzehnten hatte ich seit Beginn muslimische Schülerinnen und Schüler in meinem Unterricht und in meinen Klassen, die ich als Klassenlehrer betreute. Manchmal waren es nur ca. 20% (vor allem zu Beginn meiner Laufbahn), manchmal über 80% Muslime in einer Gruppe. Die letzten 6 Jahre unterrichtete ich auch das Fach Ethik, welches in Berlin zu einem Pflichtfach wurde. Mit diesen Gruppen besuchte ich christliche Kirchen, Moscheen und beispielsweise buddhistische Gemeinschaften in Berlin. Wir behandelten ganz offen Themen wie: Das Tragen des Kopftuches, die Rolle der Frau im Islam, usw. Zusammengefasst in einem Satz: In ganz wenigen Fällen (ich erinnere mich nur an zwei – in wie gesagt 40 Dienstjahren) war der Islam für meine Schülerinnen und Schüler ein konfliktbeladenes Thema. Für die Jugendlichen (Klassenstufe 7 bis 13) war es nie ein Problem, mit andersgläubigen jungen Menschen zusammen in die Schule zu gehen. Konflikte entstanden ab und zu aus pubertären Gründen (zwischen Jungen und Mädchen) und zwischen Türken und Arabern. Im Ethikunterricht waren es die muslimischen Mädchen, die – im Gegensatz zu den deutschen Schülerinnen und Schülern – ethisch fundierte Meinungen zu verschiedenen Themen vertraten, beispielsweise zur Rolle der Familie in der Gesellschaft. Ich denke gerne zurück an meine fast nur positiven Erfahrungen mit muslimischen Schülern.

Über die jetzige Diskussion wundere ich mich immer wieder.

Teamteaching

März 24th, 2016

Zum Artikel „Die neuen Lehrer“ in ZEIT N°10 2016

Bei der  Gründung der Gesamtschulen vor ca. 45 Jahren, die damals in Berlin Regelschulen wurden, war das sog. Teamteaching durchaus geplant, jedoch sehr wenig praktiziert, ich vermute aus finanziellen Gründen. Zwei Lehrer in einer Klasse. Wie gerne hätte ich solche Bedingungen zu Beginn meiner Karriere vorgefunden. Wir waren alle jung und hoch motiviert, konferierten wöchentlich in Jahrgangs- und Fachteams und trafen uns in privaten Wohnungen außerhalb der Schule an Wochenden zur Entwicklung gesamtschulspezifischer Curricula und Materialien. Gegenseitige Hospitationen und sowohl Lehrer- als auch Schülerfeedbacks sowie der kollegiale Austausch über einzelne Schülerinnen und Schüler während der zahlreichen „Springstunden“ (stundenplanbedingte Freistunden, die auch als Bereitschaftsstunden für eventuelle Vertretungen genutzt wurden) auch an den Nachmittagen der Ganztagsschulen waren an der Tagesordnung. Die Studie bestätigt das: »Ein Vergleich der in der Schule vorfindbaren Rahmenbedingungen verdeutlicht, dass insbesondere an vollgebundenen Ganztagsschulen günstige Ausgangsbedingungen für die Schaffung von Kooperationsbeziehungen gegeben sind. Dazu gehören die Integration von Kooperationszeiten in den Arbeitsalltag, die Präsenz von Lehrkräften am Nachmittag, die Unterstützung durch die Schulleitung und auch die stärkere Etablierung von Kooperationsstrukturen in Form von Jahrgangsteams oder jahrgangsübergreifenden Fachgruppen.«(S. 35) Jeder Lehrer besaß außerdem einen Arbeitsplatz in der Schule, jedes Fachteam hatte ein eigenes Lehrerzimmer, so dass fast immer ein Fachkollege/ein Kollegin anspechbar war. Weiterhin waren in den Planungen für die neu zu gründenden Gesamtschulen Sozialpädagogen und Schulpsychologen ausgewiesen, die in der Schule anwesend und immer ansprechbar sein sollten, ein Versprechen, das nicht eingehalten wurde. Bedauerlicherweise wurde das Gesamtschulkonzept von der Politik klein- fast möchte ich sagen kaputtgeredet. Die Schulen unterlagen spätestens seit den 90er Jahren in Berlin einem rigorosen Sparzwang. Jedes Jahr gab es neue Mittelkürzungen, so dass schließlich die Gesamtschule zum Scheitern verurteilt war, obwohl wesentlich mehr Schülerinnen und Schüler die Hochschulreife erlangten als zur Zeit des dreigliedrigen Schulsystems. Dieses wurde parallel beibehalten, m.E. ein Fehler, den die Politik erst vor Kurzem bei der Einführung der Sekundarschulen in Berlin korrigierte. Der Titel „Die neuen Lehrer“ in ZEIT N°10 2016 ist demnach genauso anwendbar auf  die Gesamtschullehrer der 1970er und 1980er Jahre. Für diese Erfahrung bin ich dankbar und wünsche jedem Kollegen und jeder Kollegin der in Ihrem Artikel erwähnten Schulen Durchhaltevermögen sowie weiterhin einen hohen Motivationsgrad. „Neue Lehrer“ mit einer hohen Kooperationsbereitschaft gab es zu jeder Zeit. Kooperation ist jedoch nicht alles. Hinzu kommen müssen entsprechende Rahmenbedingungen. Jedoch bin ich skeptisch gegenüber der Behauptung von Kunter, dass „der Lehrer am Limit“ eine Randerscheinung sei, da nach meiner Erfahrung die wenigsten Lehrerinnen und Lehrer das reguläre Rentenalter erreichen. Auch dazu gibt es repräsentative  Studien.

Ralf Kennis

Toleranz

März 24th, 2016

„Die Toleranzfrage stellt sich erst nach Beseitigung der Vorurteile, aufgrund deren eine Minderheit zunächst diskriminiert worden ist.“ Mit Toleranz ist nach Habermas die Zumutung verbunden, die in der Konsequenz bestehe, „dass die von der eigenen Religion vorgeschriebene Lebensweise oder das dem eigenen Weltbild eingeschriebene Ethos einzig unter der Bedingung gleicher Rechte für jedermann realisiert werden dürfen. Allen Bürgern wird diese Bürde symmetrisch auferlegt. (…)
Stellen wir uns vor, dass eines Tages die Diskriminierung nicht nur von Frauen, Homosexuellen und Behinderten, sondern auch von Gruppen, die eine starke kollektive Identität ausgebildet haben, abgeschafft wäre. Versetzen wir uns in die ideale Lage, in der eine kulturelle Mehrheit mit ihren rassischen, ethnischen, sprachlichen oder nationalen Minderheiten im Zustand nicht nur eines ungekränkten Nebeneinanders, sondern des gleichberechtigten Miteinanders existieren würde. Selbst dann würde sich die Art von kognitiven Dissonanzen, die wir von Spannungen zwischen Religionsgemeinschaften kennen, nicht einfach aufgelöst haben.
So besteht auch keine Schwierigkeit anzuerkennen, dass ein fremdes Ethos für den anderen dieselbe Authentizität hat und denselben Vorrang genießt wie das eigene Ethos für einen selbst.“
Nach Habermas handelt es sich bei tolerantem Denken und Handeln demnach nicht um eine bloße Duldung, sondern erst die Ablehnung anderer Lebensweisen und Überzeugungen mache Toleranz notwendig.

Auszüge aus dem Festvortrag von Habermas zum Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 29.06.2002

Jedoch: Ist Duldung so negativ zu bewerten wie es in Christ und Welt (48/2014) anklingt?

„Duldung, nein danke“ lautet die Überschrift. In Eph 4,1 heißt es: „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe.“ Einander ertragen in Geduld und Liebe ist nach Paulus Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Nicht erst wenn wir alt und gebrechlich sind oder durch andere Umstände auf Hilfe von Mitmenschen angewiesen sind, sondern immer und in jeder Situation sind wir auf Duldung angewiesen. „Menschen erreichen den höchsten Sinn von sich selbst, wenn sie in Funktion der anderen, die sie vor sich haben, leben.“[1]

[1] The Dialogic Self: Reconstructing Subjectivity in Woolf, Lessing, and Atwood

Kuschelpädagogik

März 24th, 2016

Kuschelpädagogik ist out, die Forderung nach Autorität und Führung wird wieder laut. „Wenn du sie ihnen gibst, spüren alle, es ist gerecht (…) Diese Kinder sind gierig danach“ (Gilles Duhem, Sozialarbeiter in Berlin-Neukölln und Geschäftsführer bei Morus 14, einem Kiez-Unternehmen, das sich für Kultur, Bildung und gegen Jugendgewalt einsetzt), Tagesspiegel vom 17.11.2014.

Lehrer/Lehrerin, das Glück der Profession?

März 24th, 2016

Kinder suchen „nach einem, der ihnen hilft, die Welt zu verstehen und Lust aufs Leben zu bekommen.“ Dieser Satz aus C&W vermittelt einen Blick auf den Lehrerberuf, den ich nach 40 Jahren Lehrerdasein, jetzt in Pension, voll und ganz unterschreiben kann,  der aber nicht offensichtlich ist. Junge Menschen suchen nach Vorbildern, nach Orientierung in einer immer fragmentierteren Welt. Gibt man ihnen diese Hilfen, stößt das  jedoch meist auf heftigen Widerstand. Das liegt vielleicht in der Natur der Sache, ist aber gerade für junge Lehrerinnen und Lehrer eine Herausforderung, oft auch eine Enttäuschung, der so genannte Praxisschock.

Der Frau-Müller-muss-weg-Film suggeriert schon allein vom Titel, was Lehrer bei der gegenwärtigen Elterngeneration erleben. Die Erwartungen sind sehr hoch, die Kooperationsbereitschaft sehr niedrig. Von Seiten der Schulverwaltungen ist kaum Unterstützung zu erwarten, im Gegenteil. Der tägliche Kampf mit einer jungen Generation, die immer weniger beziehungsfähig ist (Winterhoff), ermüdet und macht es zunehmend schwerer, diesem oft zitierten „schönsten Beruf“ positive Seiten abzuringen, zumal die Aufgaben und Anforderungen, die auf Lehrerinnen und Lehrern lasten, in den letzten beiden Jahrzehnten stetig zunahmen. Eine Reform jagte die andere.

23 Jahre pflegte ich einen Schüleraustausch zwischen meiner Berliner Gesamtschule und einem Collège in Frankreich. Vor Kurzem traf ich einen ehemaligen Schüler, der mir bestätigte, dass dieses Erlebnis zu einem der schönsten in seiner gesamten Schulzeit gehörte. Auch die beiden Schülerinnen, die mich fast ein ganzes Jahr nicht mehr grüßten, nachdem sie disziplinarische Konsequenzen aufgrund ihres Verhaltens zu tragen hatten und mir am Ende vor ihrer Entlassung aus der Schule sagten „Sie waren unser bester Lehrer“ werden diese für sie einschneidenden Erlebnisse sicher ihr ganzes Leben nicht vergessen. Es ist zu hoffen, dass sie auch Lehren daraus gezogen haben. Aber – gerade diese Begebenheit kostete mich unheimlich viel Kraft und Nerven. Das alles muss man wissen, wenn man sich heute für den Lehrerberuf entscheidet. Erfolge sieht man in diesem Beruf nur äußerst selten. Dass beispielsweise kaum ein Wochenende oder gar ein Abend zum Ausspannen, zur Regeneration zur Verfügung steht. Die viel zitierten Ferien gehen meist mit Korrekturen von Klausuren und Klassenarbeiten oder mit einer immer komplizierter gewordenen Notengebung drauf. „Das Glück der Profession“ zu beschwören, ist heute notwendiger denn je geworden, denn was die Heranwachsenden am meisten brauchen, sind verständnisvolle aber auch konsequente Lehrerinnen und Lehrer, die wiederum Entlastung und kooperative Eltern sowie Schulleitungen und Kolleginnen und Kollegen ganz dringend benötigen. Die rückläufigen Zahlen von Bewerbern für das Lehramt oder auch für den Schulleiter/die Schulleiterin sprechen eine deutliche Sprache. Alles zusammen genommen, ist der Lehrerberuf mit anderen Berufen schwer vergleichbar.

Es herrscht allenthalben immer noch eine Pädagogik des Sich-Behauptens („du lernst für dich selbst“), des Individualismus und eine pädagogische Praxis des „Vogel friss oder stirb“ vor allem in den Gymnasien. Die zunehmende Zahl von psychophysischen Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern sprechen eine deutliche Sprache. Von der Perspektive des Lehrers aus habe ich oft gehört: „Ich bin doch kein Sozialarbeiter, ich werde für das Unterrichten bezahlt“, obwohl im Schulgesetz die erzieherische Aufgabe des Lehrers verankert ist. In den Schulverwaltungen herrscht eine rein technokratische, ja maschinistisch-administrative Haltung den Schulen gegenüber vor (im Zuge der Sparmaßnahmen wurden immer mehr Aufgaben in die „Eigenverantwortlichkeit“ der Schulen gegeben): Evaluation (in Italien geht das so weit, dass die Lehrerinnen und Lehrer von den Kolleginnen und Kollegen der eigenen Schule beurteilt werden; „den Krieg in der Schule zu entfachen geht nicht“ war der Kommentar eines italienischen Erziehungswissenschaftlers; in Deutschland werden die Schulen untereinander verglichen,  was grober Unfug ist), Qualitätsentwicklung, -Sicherung und -Management stehen im Vordergrund. Die Qualität des eigenen Unterrichts zu verbessern, dieses Ziel hat sicherlich jeder verantwortungsvoll unterrichtende Lehrer/in. Er/sie sucht sich die dazu geeigneten Instrumente, deren es sehr viele und von Fach zu Fach unterschiedliche gibt, die nicht von oben herab diktiert werden sollten. Termini und Praxis aus dem Wirtschaftsmanagement (einiges, was im vergangenen Jahrzehnt von den Schulämtern ungeschickter- und unglücklicherweise auf den Weg gebracht wurde, erinnert fatal an das BWL-Studium) auf Schule und Unterricht zu übertragen, ist einfach falsch, das ist minimalistisch gedacht und geht nicht, zumal wir es mit Menschen, dazu noch jungen Menschen zu tun haben, die unsere Zukunft sein sollen, wie oft zu hören ist.  Inzwischen müsste dieses eigentlich auch in den Amtsstuben angekommen sein. Soziale Kompetenzen, wie z.B. Wertschätzung, Solidarität, Respekt, usw. finden in den Rahmenrichtlinien nur einen Nischenplatz.  Inzwischen werden sie in einigen Bundesländern mehr beachtet (u.a. durch die Einführung des Faches Ethik), weil man erkannte, dass diese Kompetenzen sich zwar der Empirie entziehen jedoch trotzdem von großem Wert für eine menschenfreundlichere Gesellschaft sowie für eine ganzheitlich positive Persönlichkeitsentwicklung des Heranwachsenden sind.

Segeltörn 2015

März 20th, 2016

Einhand von Gibraltar bis Lissabon

„We have no problems, we only have solutions.“

Nach über einer Woche Arbeiten am Schiff (u.A. Anbringen eines neuen Radarreflektors, Installation von zwei Solarpaneelen, Streichen des Unterwasserschiffs und Polieren des Rumpfes) heißt es endlich Leinen los am frühen Nachmittag in La Linea bei Gibraltar. Ziel: Lissabon. Von dort will ich weiter mit noch unbekannter Destination. Mein Schwager, der noch nie segelte, will für die nächste Teilstrecke mit an Bord. Wichtig ist für mich: Weatherrouting. 300 Seemeilen einhand liegen erst einmal vor dem Bug meines 28-Fuß-Schiffes GALATEA. Der Wetterbericht ist gut, die Tiefs ziehen weit im Norden über den Atlantik. Ich habe ein gutes Gefühl. In der Bucht von Algeciras weiche ich mehreren Berufsschiffen aus, um Kurs auf die Halbinsel von Tarifa zu nehmen. Angenehmer achterlicher Wind (Levante). Bald ist Reffen angesagt. Bei Tarifa wird der Wind stark. Ein Moment Unaufmerksamkeit, das Groß wird trotz des gesetzten Bullenstanders auf die andere Seite gedrückt. Patenthalse. Die Leine reißt. Ich hätte das Groß ganz herunternehmen und nur mit gereffter Genua weitersegeln sollen. Als der Leuchtturm von Tarifa achteraus wandert, ist alles wieder im Lot. No problem, der Schaden ist schnell repariert. Ich überlege, ob ich die Nacht im ehemaligen Piratenhafen von Barbate verbringe. In der Bucht muss ich jedoch in der Dämmerung einem langen Fischernetz ausweichen, so dass ich beschließe, die Nacht in gutem Abstand von der Küste durchzusegeln. Die Lichter werden angeschaltet, Kurs West wird abgesetzt. Kaffee habe ich noch in der Thermoskanne. Warme Kleidung,Taschenlampe, Kekse, Madeleines und Segeljacke werden bereit gelegt. Das brauche ich dann auch. Ich werde mit einem grandiosen Anblick belohnt: Der Leuchtturm von Trafalgar im Sonnenuntergang. Die erste Nacht einhand. Der Wind legt sich, der Motor schiebt mit reduzierter Marschgeschwindigkeit. Ich habe Zeit, bin nicht aufgeregt. Alle 20 Minuten bis halbe Stunde halte ich Ausschau, lege mich auf die Salonkoje. Um ca. 3 Uhr fällt das Aufstehen schwer, jedoch gebe ich nicht der Müdigkeit nach. Ich bewege mich zwar außerhalb der Schiffahrtsrouten, aber andere Segler sind auch unterwegs, denen ich um ca. 4 Uhr begegne. Er passiert in ca. 200 m Entfernung. Das ermahnt mich, aufmerksam zu bleiben. Auch mit Fischerbooten ist zu rechnen, die nicht immer ihr AIS eingeschaltet haben. Am Morgen Fortsetzung der Kurzschläfchen im Cockpit. Sowie ich das Cockpit mit einem Fuß betrete, wird die Lifeline, die an der Rettungsweste befestigt ist, eingepickt, auch am Tag. Dafür habe ich drei starke Augbügel im Cockpit angebracht, zwei davon direkt unterhalb des Niedergangs am Brückendeck. Das Frühstück ist eine Wohltat. Leichter Wind kommt auf, ich setze wieder die Segel und schalte den Motor aus, nehme Kurs auf Huelva. Nach 32 Stunden auf See und 130 zurückgelegten Seemeilen mache ich im Hafen Mazagon fest. Am Abend genieße ich die Tapas bei einem Bierchen. Am folgenden Morgen werden die Leinen losgemacht, nicht ohne gut gefrühstückt und geduscht zu haben. GALATEA und ich können den Kurs auf Faro nicht halten. Wir kreuzen auf. Erst gegen Abend ist der Leuchtturm von Faro gut sichtbar. Da ich jedoch die komplizierte Ansteuerung des mir unbekannten Hafens mit den vorgelagerten Sandbänken nicht riskieren will, ist die zweite Nacht auf See vorprogrammiert. Ohne Wind, mit leichtem Motorschub macht GALATEA 4 Knoten. Die Nacht verläuft ohne Komplikationen. Faro wird in ausreichendem Abstand passiert. Um Mitternacht haben wir den Leuchtturm querab. Am folgenden Tag erwartet uns ein Westwind geanau auf die Nase, der ganz allmählich zunimmt. Herrliches Kreuzen vor der Küste von Südportugal. Ich genieße es. Mein Schiff ist in Topform. Ca. zwei Seemeilen vor dem Hafen von Portimao nehme ich die Segel herunter, weil ich noch vor Sonnenuntergang dort festmachen will. Nach 31 Stunden und 121 Seemeilen liegen wir ruhig und glücklich in unserer Box. In diesem Hafen verbringe ich vier Nächte, mache einige Reparaturen, gehe an einem der schönsten Strände von Portugal baden, am Sonntag in die Kirche und genieße die südliche Sonne. Beim Verlassen des Hafens fotografiere ich die VESTAS, die beim Volvo Ocean Race durch einen Navigationsfehler auf einem Riff strandete. Der gleiche Fehler unterläuft auch mir zwei Tage später, jedoch glücklicherweise ohne verheerende Folgen. Die Windvorhersage am südöstlichsten Cap von Europa, dem berüchtigten Cabo de Sao Vicente, ist zwar nicht sehr günstig, ich mache die Leinen trotzdem los und segele nur 20 Meilen bis zur Baleeira-Bay, in der ich bei guten 6 Windstärken den Anker werfe. Hier, in der letzten Bucht vor dem Cap, die einigermaßen gut geschützt ist, will ich die Nacht verbringen, um die Rundung am nächsten Morgen zu wagen. Danach geht es bis Lissabon immer gen Norden, gegen den Wind und die Strömung an. Ankerwache. Dafür habe ich eine App, der ich jedoch nicht hundertprozentig traue. Der Wind lässt erst zum Morgen etwas nach. Der Anker hält. Das Ankeraufmanöver mit ganz leichtem Schub klappt hervorragend. Heraus aus der Bucht, empfängt uns gleich ein ruppiger Wind. Ich zog vorher bereits Stiefel und den Segelanzug an und die Kapuze weit über den Kopf, so dass nur noch die Augen frei bleiben. Das war auch notwendig, denn die See ist ziemlich ruppig. Immer wieder übernimmt GALATEA Wasser. Eine Gichtwolke nach der anderen bedeckt mich mehr und mehr mit Salz. Durch meine Brille sehe ich kaum noch etwas, denke schon ans Umkehren, aber nach der Rundung des Cabo de Sao Vicente werden die Bedingungen moderater. Nach dieser anstrengenden Rundung lege ich mich ein wenig im Cockpit hin. Einige Seemeilen nördlich des Caps passieren wir einen Felsen sehr dicht, zu dicht nach meinem Geschmack. Ich bemerke ihn erst, als er achteraus im Kielwasser langsam kleiner wird. Ein Schreck. Die Navionics-App zeigt ihn nicht an. Ich checke die Papierseekarte. Da ist er eingezeichnet und erst bei zwei weiteren Zooms hinein wird er auch auf der App sichtbar. Ich lerne: Man sollte der Elektronik nicht vertrauen. Nicht nur ich, sondern auch GALATEA hat einen Schutzengel. Die Segel bleiben den ganzen Tag unten, denn ich will den Hafen von Sines in 60 Seemeilen Entfernung noch heute erreichen und den Neerstrom nahe an der Küste ausnutzen. Erst gegen 23:30 Uhr machen wir an einem Steg vor dem Seenotrettungsboot fest. Ein Tag in Sines zum Einkaufen und Ausruhen. An dem provisorischen Liegeplatz darf GALATEA länsseit liegen bleiben. Nach einer weiteren Etappe und einer Nacht im Hafen Sesimbra laufen wir mit einem mitlaufenden Strom (kurzzeitig 18 Knoten – lt. GPS – hat mein stolzes 28 Fuß-Schiffchen noch nie geschafft!) in Lissabon ein. Da mein Schwager nur 14 Tage Urlaub hat, beschließe ich kurzerhand, die kleine Atlantiküberquerung bis zu den Azoren mit ihm zu wagen. Wir verholen von der Alcantara-Marina nach Cascais, wo wir noch eine Nacht verbringen, Diesel bunkern und gut essen gehen. Diese kurze Strecke soll auch ein kleiner Test sein, denn ich muss meinen unerfahrenen Mitsegler einweisen: Die wichtigsten Manöver, Sicherheitsanweisungen, usw.

My Atlantic Experience

Nach 10 Tagen auf hoher See haben wir auf den Azoren festgemacht. Das war nach über 30 Jahren Segelerfahrung im Mittelmeer mit der Familie mein längster Törn jetzt über den offenen Atlantischen Ozean. Blauwassersegeln pur. Es könnte eigentlich immer so weiter gehen. Festgemacht = angebunden. Nach 3, 4 oder spätestens 5 Tagen auf dem Meer denkt man an nichts anderes mehr als an sein Schiff und die Elemente. Man lässt alles hinter sich. Kommt eine dunkle Wolke mit Wind und Regen, egal, es wird gerefft, man wird nass, weiter geht’s. Immer dem Horizont entgegen. Die letzte Bastion, wo der Mensch Unabhängigkeit erfahren kann, das Losgelöstsein von allen Zwängen. Keiner schreibt etwas vor, du triffst deine Entscheidungen allein. Du kennst dein Baby,  jeden Winkel, jede Eigenart deines Schiffes, seine Stärken und seine Schwächen. Du hast die Segel, die dich voran ziehen und zur Hilfe auch noch den Motor, diesen aber begrenzt. Zum Glück.

Ob bei über 25 Kn Wind und kleinster Besegelung oder bei einer guten Brise und Vollzeug, das Schiff zieht seine Bahn, du siehst die Spur, die sich in den Heckwellen verliert. Das Wasser rauscht am Rumpf entlang, die Wellen spritzen, das Schiff klettert die langgezogene Dünung hinauf und gleitet sogleich wieder ins Wellental hinab – Glücksmomente. Ich bin dankbar, so etwas erleben zu dürfen. Das zaubert auch meinem Mitsegler einen zufriedenen Ausdruck auf sein sonst so ernstes Gesicht. Das Schiff breitet seine Schwingen aus und gleitet über den Ozean. Ich sitze auf der hohen Kante und spüre jede Bewegung meines Babys, die Wellen geben den Takt vor, sie bestimmen den Ruderausschlag, werden ausgesteuert, ich schaue auf den Bug, der sich stetig hebt und senkt, fühle mich verbunden mit der Natur und den Elementen, ihnen ganz nah wie man es vielleicht nur als Bergsteiger empfinden kann. Manchmal kommt eine Welle über das Deck gewaschen, ich werde nass, bin nach einiger Zeit voller Salz, egal, weiter. Anderes Szenario: Wind über 25 Knoten, chaotischer Seegang mit Wellen aus verschiedenen Richtungen. Das Schiff wird hin und her geworfen. Meine Wache dauert schon eine Stunde länger als festgelegt, weil ich meinem unerfahrenen Mitsegler seine Wache bei diesen Bedingungen so komfortabel wie möglich gestalten möchte. Ich spiele bei fast ganz eingerollter Genua und drei Reffs im Groß mit der Segelstellung und dem Kurs, stelle beides so ein, dass der Kurs hoch am Wind noch einigermaßen beherrschbar ist und der Autopilot, der bisweilen auch an seine Grenzen kommt, es schafft.  Beide machen ihre Wachen immer zuverlässig. Eine große Entlastung für mich, auch wenn ich ab und zu nachts geweckt werde, weil Positionslichter anderer Schiffe sich nähern (selten) oder der Wind seine Richtung und Stärke ändert. Einen kleinen Kümo, der von achtern aufkommt und auf Kollisionskurs mit uns liegt, muss ich anfunken. Die Antwort und seine Kursänderung kommen prompt.

Alle Gewohnheiten als Landgefangener werden über Bord geworfen. Nach nur zwei Stunden oder weniger Schlaf stehe ich todmüde auf und bin sofort wieder voll da, weil ein Segel- oder Kurswechsel ansteht. Ich kann mich ja gleich wieder ausruhen, schlafe vielleicht draußen im Cockpit ein. So werden meine Kräfte geschont, sollten sie gleich wieder gebraucht werden.  Manchmal ist ständiges Aus- und Einreffen angesagt. Jede Bewegung, jeder Schritt an Bord kosten das Doppelte der Zeit und viel Kraft. Gewöhnungssache. Ich genieße auch das.

Mein Mitsegler sagt: „Man sieht nichts.“ Er sieht sowieso überall Probleme, kann sich nicht auf dieses so andere Leben einlassen. Ich sage: „Du siehst das Meer, die Wellen, den Himmel, die Wolken. Das ist doch sehr viel.“ Es gibt Menschen, die sehen das Glas immer halb leer und andere, die sehen es halb voll. Zu denen gehöre ich, Gott sei Dank. Es gibt natürlich auch Augenblicke, in denen ich mich frage, warum ich mir das alles antue. Ich erfahre meine Grenzen, doch die Glücksmomente machen alles wieder wett. Derartige Erfahrungen wünsche ich allen Workaholics, jedem, der in seiner Businesswelt gefangen ist, abhängig, ein Sklave der Arbeitswelt. Leute, es gibt noch etwas anderes, Befreiendes, Erfüllenderes. Mein Mitsegler befürchtet, seine Termine, die er in zwei Wochen hat, nicht wahrnehmen zu können, weil wir zweimal eine leichte nur einige Stunden dauernde Flaute erleben. Moderne Sklaverei, der sich viele auch noch freiwillig aussetzen. Schrecklich! Hier auf See gibt es etwas ganz anderes: Unabhängigkeit, keine Chefs, die einem sagen, was man zu tun oder zu lassen hat, keine Zwänge. Keine Erwartungen erfüllen müssen, auch nicht die an sich selbst. Allein die See bestimmt den Rhythmus. Taucht ein „Problem“ auf, wird es gelöst. Mein Motto: We have no problems, we only have solutions. Das habe ich jeden Tag mindestens dreimal meinem Mitsegler gegenüber wiederholt. Ich bin nicht sicher, ob er es verstanden hat. Er sagt, dass er gerne noch einmal mitkommen würde

ca. 1300 sm, 19 Seetage, 11 Nächte auf See, 1 Nacht vor Anker

Herzensbildung

März 18th, 2016

Eine Palästinenserin ist zur weltbesten Lehrerin gekürt worden. https://www.facebook.com/ajplusenglish/videos/698181623656681/.

Sie lehrt – den FRIEDEN. Diese vom Krieg traumatisierten Kinder werden sicher nicht auf andere schießen. Solche Lehrer braucht die Welt dringender denn je. Dadurch vermeidet man gesellschaftliche Krisen und Probleme. Diese palästinensische Lehrerin lehrt sicher auch Lesen, Schreiben und Rechnen, jedoch die wichtigste und erste Kompetenz, wie wir friedlich miteinander leben können, steht bei ihr ganz oben.

Sie ruft der Welt zu:

We can change the future.
We can change the world for the best.
We are the real power in the world.
Just teachers. Just teachers.

Was bringt es, wenn Kinder Wissen anhäufen und dann das Maschinengewehr in die Hand nehmen? Jahrzehnte haben wir Wert auf Wissensanhäufung gelegt. Wir brauchen endlich eine Bildung, die zum Frieden, zu Toleranz und gegenseitigem Respekt befähigt. Das habe ich als Ethik- und Sprachenlehrer 40 Jahre versucht zu realisieren, z.B. durch einen 23 Jahre dauernden jährlichen Schüleraustausch mit einer Schule in Frankreich. Über 600 Schülerinnen und Schüler sind sich begegnet auch Dank des deutsch-französischen Jugendwerks. Für mich stand während meiner gesamten Tätigkeit als Lehrer nicht pure Wissensvermittlung an erster Stelle, sondern Sozialkompetenz, Herzensbildung.

La souffrance de l’incertitude

März 17th, 2016

Ins Französische übersetzt von Dirk Kennis, deutsche Version folgt

Le futur des mouvements et communautés

Time-Lab Paris / Institut d’études et de recherches postmodernes

Prof. Dr. M. Hochschild, Directeur de recherches (*1)

La souffrance de l’incertitude

– Sur la réconciliation avec le futur –

Thèses (*2)

Thèse 1 : Au 20ème siècle une préoccupation principale concernait le Choc des civilisations (Clash of Civilizations, S. Huntington). Aux institutions de médiation comme les églises, les parties et les médias était demandée leur conciliation immédiate. Pas aux mouvements, ni sociaux, ni spirituels/religieux.

Thèse 2 : Au 21ème siècle, une crise du système de la société moderne se propage. Le problème n’est plus le pluralisme mais l‘absence de forme(s). La fin de la société est arrivée. (Touraine)

„Crise du système“ signifie que le système d’exploitation de la modernité ne fonctionne plus. Depuis la crise financière du 2008, nous savons que nous avons perdu, avec l’économie, le système d’orientation moderne, mais en long et en large il n’y a pas de remplacement en vue, l’art se commercialise littéralement et la politique est faite par les banques centrales.

Bref : nous souffrons d’incertitude. Exemples : La promesse moderne de la liberté est devenue désormais plus qu’on ne peut en supporter ; sans fondements elle ne peut être ni vécue, ni réalisée. Un autre exemple : Le choc des civilisations, c.-à-d. la lutte entre les cultures est devenue une lutte à l’intérieur des cultures ; elles ne sont plus des unités compactes. L’islam actuel se déchire soi-même, d’une autre façon aussi l’UE, à l’intérieur de la France sévit un „front républicain“ contre un „front national“, en Allemagne Pegida et la partie AfD prétendent de représenter l’opinion majoritaire ; à part de tous les conflits de répartition dans le monde qui menacent la paix sociale.

Thèse 3 : Pour la transformation d’une civilisation moderne à une civilisation postmoderne, ce ne sont pas les institutions de médiation qui sont demandées, mais les mouvements. La raison : ils peuvent réconcilier avec le futur.

Dans les conditions actuelles d’un manque de stabilité socio-culturelle, il ne suffit pas de chercher les causes des conflits et d’espérer les solutions de la part des institutions. Comme dans la question des flux des réfugiés, elles n’offrent pas des stratégies de réconciliation mais au maximum du gain de temps, c.-à-d. signes de perplexités et plus précisément : indigence de visions.

C’est justement pour cela qu’ils ont été crées les nouveaux mouvements sociaux et, encore plus, les nouveaux mouvements spirituels. Les visions de l’avenir sont leur signe distinctif. Les mouvements offrent non seulement des alternatives à d’autres orientations de la vie, mais ils ouvrent les horizons fermés de la modernité. Exemple : l’individu moderne. Il devient chez eux (de nouveau) une personne éthique ou religieuse, et surtout une personne sociale avec des liens et des responsabilités dans le monde concret de la vie.

Le temps des grands projets du monde comme ils ont été transmis par le libéralisme et le capitalisme est passé. Le monde est devenu trop complexe pour le décrire pour tous et partout de la même façon. Les mouvements ont anticipé la fin de ces „grandes narrations“, ils montrent : il faut commencer par les petites choses dans son propre milieu de vie immédiat, en direction des thèmes de la postmodernité comme climat, alimentation, repos, amitié et communauté.

Thèse 4 : Défis du point de vue de la recherche sur les mouvements :

    4.1) Les mouvements spirituels doivent montrer qu’ils ne sont jamais seulement des mouvements spirituels, mais qu’ils sont toujours aussi des mouvements sociaux – et qu’ils tirent un avantage de la foi pour une force de formation culturelle.

    4.2) Vivre, travailler, agir ensemble (dt. : das Miteinander) est décisif pour les mouvements. Sans une église réconciliée pas de contribution à la réconciliation globale.

    4.3) Vivre, travailler, agir ensemble ne suffira pas pour une réconciliation avec le futur ; vivre, travailler, agir ensemble pour le monde de demain est nécessaire.

Thèse 5 : Les mouvements mobilisent des forces contre une vision du monde conditionnée par un sens de crise et d’effondrement constant, que Kant a désigné avec le terme „terrorisme morale“. Donc, les mouvements sont appelés aujourd’hui à l’anti-terrorisme morale ; dit en paroles ecclésiales : à la miséricorde.    ________________

*1 Prof. Dr. M. Hochschild est expert pour les mouvements et communautés civils/laïques (parties, syndicats, …) et religieuses (compris les ordres) et chercheur au Time-Lab Paris / Bourgogne.

 

*2 Les thèses sont adaptées et traduites en français par moi-même. Ceux, qui n’en sont pas content, peuvent recevoir un texte impeccable en allemand, italien ou anglais. – Dirk

 

Litérature:

Touraine, A. : La fin des sociétés. Paris 2013

Hochschild, M. (éd.) : Die Zukunft der geistlichen Bewegungen. (Le futur des mouvements spirituels.) Sortira en mai 2016

Kant, I. : Der Streit der Fakultäten, A 135, 136

 

Neutral bleiben – keine Option

März 7th, 2016

Offener Brief

mit freundlicher Genehmigung der Verfasser

Flüchtlingsdrama

April 26th, 2015

Bereits im Jahr 2003 sagte Chiara Lubich zum Thema:

Botschaft von Chiara Lubich zum ersten Welttag der Interdependenz in Philadelphia  (Auszug)                                                     12.09.2003

(…)
Von verschiedenen Orten der Erde erhebt sich heute ein Schrei der Verlassenheit
von Millionen von Flüchtlingen
,
von Millionen von Menschen, die Hunger leiden,
von Millionen von Ausgebeuteten,
von Millionen von Arbeitslosen, die ausgeschlossen und wie abgeschnitten sind vom politischen Ganzen.
Es ist diese Trennung, es sind nicht nur die Entbehrungen und die finanziellen Schwierigkeiten, die diese Menschen noch ärmer machen und ihre Verzweiflung noch verstärken – falls das überhaupt möglich ist.

Die Politik hat ihr Ziel nicht erreicht und ist ihrer Berufung nicht gerecht geworden, so lange sie nicht diese zerbrochene Einheit wieder hergestellt und diese offenen Wunden am Leib der Menschheit geheilt hat.

Doch wie lässt sich ein so anspruchsvolles Ziel erreichen, das unsere Kräfte zu übersteigen scheint?

Freiheit und Gleichheit allein genügen angesichts der Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft der Menschheit nicht.
Unsere Erfahrung lehrt uns, dass es ein drittes Element braucht, das im politischen Denken und Handeln weitgehend in Vergessenheit geraten ist:
die Geschwisterlichkeit.

Ohne sie ist kein Mensch, kein Volk wahrhaft und im Vollsinn frei und gleich. Gleichheit und Freiheit werden immer unvollständig sein, so lange die Geschwisterlichkeit nicht überall auf der Welt wesentlicher Bestandteil der politischen Programme und Prozesse ist.

– Es ist die Geschwisterlichkeit, die heute im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Umfeld unserer Welt neue Projekte und Aktionen ins Leben rufen kann.
– Sie befreit aus der Isolierung und eröffnet den Völkern, die noch davon ausgeschlossen sind, den Zugang zu ihrer Entwicklung.
– Sie zeigt Wege, um Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem
Wege zu lösen und den Krieg in die Geschichtsbücher zu verbannen.
– Aufgrund der gelebten Geschwisterlichkeit kann man von einer Gütergemeinschaft  zwischen reichen und armen Ländern nicht nur träumen, sondern sie sogar erhoffen, ist doch das skandalöse Ungleichgewicht, das heute in der Welt herrscht, eine der Hauptursachen des Terrorismus.
– Die tiefe Sehnsucht der heutigen Menschheit nach Frieden beweist, dass die Geschwisterlichkeit nicht nur ein Wert, nicht nur eine Methode, sondern ein globales Paradigma politischer Entwicklung ist.

Deshalb braucht die Welt Politiker, Unternehmer, Intellektuelle und  Künstler, die die Geschwisterlichkeit – die ja zur Einheit führt – in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellen.
Es war der Traum von Martin Luther King, dass die Geschwisterlichkeit für den Geschäftsmann zur Tagesordnung und für den Politiker zur Losung wird.

Wie anders würden sich die Beziehungen zwischen Einzelnen,Gruppen und Völkern gestalten, wenn wir uns nur dessen bewusst wären, dass wir alle Kinder eines einzigen Vaters sind: Gottes, der Liebe ist, der jeden ganz persönlich und unendlich liebt und für alle sorgt!

Diese Liebe, angewandt in ihren unendlich vielen Formen – auch in Politik und Wirtschaft – könnte enge Nationalismen und einseitige Sichtweisen überwinden, Geist und Herz der Völker und ihrer Regierungen offen machen und alle dazu führen, die Heimat des anderen wie die eigene zu lieben.

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