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Ein Muslim und ein Christ im Gespräch

Dienstag, August 2nd, 2016

Wie ein Muslim und ein Christ ins Gespräch kommen können, hat bereits Karl May eindrucksvoll beschrieben:

aus: Karl May: Durchs wilde Kurdistan

„Du weißt vielleicht noch nicht, dass du mir bekannt bist, Effendi,“ sagte er zu mir. „Isla hat mir viel von dir erzählt. Er hat dich lieb, und so hast du auch mein Herz besessen, obgleich wir uns noch nicht gesehen haben.“

„Deine Worte machen meine Seele leicht,“ anwortete ich. „Wir befinden uns nicht in der Wüste oder bei den Weideplätzen eines Beduinenvolkes, und es ist daher nicht überall gewiss, dass man willkommen geheißen wird.“

„Ja, die schöne Sitte unserer Väter verliert sich von Jahr zu Jahr immer mehr; sie verschwindet in den Städten und zieht sich klagend in die Wüste zurück. Die Wüste ist der Geburtsort der Hilfsbedürftigkeit, aber Allah lässt gerade in ihr die Palme der Bruderliebe wachsen. In der großen Stadt fühlt sich der Fremdling verlassener als in der Sahara, wo kein Dach ihm den Anblick von Allahs Himmel raubt. Du warst in der Sahara, wie ich vernommen habe; hast du nicht gefühlt, dass ich die Wahrheit sage?“

„Allah ist überall, wo der Mensch den Glauben an ihn im Herze trägt. Er wohnt in den Städten, und er blickt auf die Hammada; er wacht über den Wassern und er rauscht durch das Dunkel des Urwaldes, er schafft im Innern der Erden und in den hohen Lüften; er regiert den leuchtenden Käfer und die blitzenden Sonnen; du hörst ihn im Jubel der Lust und im Ruf des Schmerzes; sein Auge glänzt aus der Träne der Freude und schimmert aus dem Tropfen, mit dem das Leid die Wange befeuchtet. Ich war in den Städten, wo Millionen wohnen, und ich war in der Wüste, von jeder Wohnung weit entfernt, aber niemals habe ich gefürchtet, allein zu sein, denn ich wusste, dass Gottes Hand mich hielt.“

„Effendi, du bist ein Christ, aber ein frommer Mann; du bist wert, ein Moslem zu sein, und ich ehre dich, als ob die Lehre des Propheten die deinige sei …“

über Schuld

Mittwoch, Juni 25th, 2014

Schätzing, Frank: Limit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011, S. 608 f.

 

(…) denn Joanna schlug ins andere Extrem: Sie empfand so gut wie niemals Schuld. Man mochte ihr deswegen Selbstgerechtigkeit vorwerfen, doch war sie weit davon entfernt, amoralisch zu handeln. Es mangelte ihr einfach am Schuldsein, in das Kinder hineingeboren werden. Vom Tag an, da man das Licht der Welt erblickte, fand man sich im Zustand des Ermahnt- Belehrt- und Ertapptwerdens und notorisch Unrechthabens, war man Urteilen unterworfen und Korrekturen ausgesetzt, die allesamt darauf abzielten, aus einem fehlerhaften Menschen einen besseren zu machen. Der Grad der Verbesserung bemaß sich daran, wie sehr man nach den Vorstellungen anderer schlug, ein Experiment, das nur scheitern konnte. Meist scheiterte es für alle Beteiligten. Begleitet von guten Wünschen und stummen Vorwürfen begab man sich schließlich auf seinen eigenen Weg und vergaß, dem Kind in sich Absolution zu erteilen, das gewohnt war, für Alleingänge gescholten zu werden. Den Kreuzgang des „Ich muss, ich sollte, ich darf nicht“ durcheilend gelangte man nie irgendwo anders als dorthin, wo man vor langer Zeit losgelaufen war, ganz gleich, wie alt man dabei wurde. Ein Leben lang sah man sich durch die Augen anderer, maß sich an den Maßstäben anderer, bewertete sich am Wertekanon anderer, verurteilte sich mit der Empörung anderer, und nie genügte man.

Nie genügte man sich selbst.“