Im Zeitalter der Faktenchecks

Ist das, was ich gerade gelesen oder gehört habe postfaktisch oder nicht?

Wer wirklich daran interessiert ist, herauszufinden, was wirklich stimmt, ist auf Faktenchecks auch angewiesen, aber nicht nur. In der allgemeinen Kakophonie, wo teilweise auch wissentlich Des- bzw. Falschinformationen vor allem in den elektronischen Medien verbreitet werden, weil Meinungen manipuliert werden sollen, sollte man sehr vorsichtig mit dem sein, was gerade verbreitet wird, egal wo. Eine objektive Berichterstattung gibt es und gab es nie. Diese Erkenntnis setzte sich im sog. Informationszeitalter immer mehr durch, insbesondere wenn Roboter Beiträge verfassen und den Meinungsaustausch manipulieren (s. Zeit Nr.46 2016). Skepsis ist allenthalben angebracht, auch um sich selbst zu schützen.

Deine Meinung ist wichtig. Meine auch. Für den Einzelnen wird es jedoch immer schwieriger, sich eine eigene Meinung zu bilden angesichts der Komplexität in einer globalisierten Welt. Einige gehen sogar so weit, zu sagen, dass eigene unabhängige Meinungsbildung heute nicht mehr möglich sei. Diese ist jedoch von Bedeutung, wenn Entscheidungen zu fällen sind, im Kleinen wie im Großen. Wer gibt heute zu, fehlerhafte Entscheidungen aufgrund von Falschinformationen getroffen zu haben? Davon bleiben wir alle aber nicht verschont. Aus dem Bauch heraus zu argumentieren ist zuerst einmal sehr einfach. Auch Emotionen sind ein Fakt. Ihnen jedoch nachzugeben und aus ihnen heraus Argumentationen zu konstruieren (Hassparolen z.B.), wenn offensichtlich ist, dass diese anderen schaden bzw. negative Folgen für andere haben können, ist das ratsam für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen untereinander?

„Die Wahrheit liegt in der Mitte“ sagt ein Sprichwort. Sie zu entdecken in den Grenzen unserer Interpretationsmöglichkeiten, die jedem Menschen gesteckt sind, darin besteht die Herausforderung unserer Zeit. Sich anderen Sichtweisen zu öffnen, im anderen die gleichen Grenzen zu erkennen, ermöglicht Dialog. In ihm kann eine neue Interpretation der Wahrheit gefunden werden, neue, nicht festgefahrene und vordefinierte Horizonte können gemeinsam erspürt (im wahrsten Sinne des Wortes) werden. Nicht das Beharren auf eigene Ansichten, sondern das Anerkennen der anderen ebenfalls begrenzten Überzeugungen führt m.E. letztendlich weiter. In einem derartigen Dialog wird nichts a priori abgelehnt, was der Suche nach dem Richtigen und Wahren in den Wissenschaften, aber auch in der Technologie oder einfach im gegenseitigen Meinungsaustausch dienen soll. Gemeinsame existenzielle Erfahrungen können nicht nur die Interpretationen des anderen akzeptieren, sondern können  konstruktive Dialogsituationen ermöglichen, in denen sich Wege zur Wahrheitsfindung eher eröffnen.

 

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