Teamteaching

Zum Artikel „Die neuen Lehrer“ in ZEIT N°10 2016

Bei der  Gründung der Gesamtschulen vor ca. 45 Jahren, die damals in Berlin Regelschulen wurden, war das sog. Teamteaching durchaus geplant, jedoch sehr wenig praktiziert, ich vermute aus finanziellen Gründen. Zwei Lehrer in einer Klasse. Wie gerne hätte ich solche Bedingungen zu Beginn meiner Karriere vorgefunden. Wir waren alle jung und hoch motiviert, konferierten wöchentlich in Jahrgangs- und Fachteams und trafen uns in privaten Wohnungen außerhalb der Schule an Wochenden zur Entwicklung gesamtschulspezifischer Curricula und Materialien. Gegenseitige Hospitationen und sowohl Lehrer- als auch Schülerfeedbacks sowie der kollegiale Austausch über einzelne Schülerinnen und Schüler während der zahlreichen „Springstunden“ (stundenplanbedingte Freistunden, die auch als Bereitschaftsstunden für eventuelle Vertretungen genutzt wurden) auch an den Nachmittagen der Ganztagsschulen waren an der Tagesordnung. Die Studie bestätigt das: »Ein Vergleich der in der Schule vorfindbaren Rahmenbedingungen verdeutlicht, dass insbesondere an vollgebundenen Ganztagsschulen günstige Ausgangsbedingungen für die Schaffung von Kooperationsbeziehungen gegeben sind. Dazu gehören die Integration von Kooperationszeiten in den Arbeitsalltag, die Präsenz von Lehrkräften am Nachmittag, die Unterstützung durch die Schulleitung und auch die stärkere Etablierung von Kooperationsstrukturen in Form von Jahrgangsteams oder jahrgangsübergreifenden Fachgruppen.«(S. 35) Jeder Lehrer besaß außerdem einen Arbeitsplatz in der Schule, jedes Fachteam hatte ein eigenes Lehrerzimmer, so dass fast immer ein Fachkollege/ein Kollegin anspechbar war. Weiterhin waren in den Planungen für die neu zu gründenden Gesamtschulen Sozialpädagogen und Schulpsychologen ausgewiesen, die in der Schule anwesend und immer ansprechbar sein sollten, ein Versprechen, das nicht eingehalten wurde. Bedauerlicherweise wurde das Gesamtschulkonzept von der Politik klein- fast möchte ich sagen kaputtgeredet. Die Schulen unterlagen spätestens seit den 90er Jahren in Berlin einem rigorosen Sparzwang. Jedes Jahr gab es neue Mittelkürzungen, so dass schließlich die Gesamtschule zum Scheitern verurteilt war, obwohl wesentlich mehr Schülerinnen und Schüler die Hochschulreife erlangten als zur Zeit des dreigliedrigen Schulsystems. Dieses wurde parallel beibehalten, m.E. ein Fehler, den die Politik erst vor Kurzem bei der Einführung der Sekundarschulen in Berlin korrigierte. Der Titel „Die neuen Lehrer“ in ZEIT N°10 2016 ist demnach genauso anwendbar auf  die Gesamtschullehrer der 1970er und 1980er Jahre. Für diese Erfahrung bin ich dankbar und wünsche jedem Kollegen und jeder Kollegin der in Ihrem Artikel erwähnten Schulen Durchhaltevermögen sowie weiterhin einen hohen Motivationsgrad. „Neue Lehrer“ mit einer hohen Kooperationsbereitschaft gab es zu jeder Zeit. Kooperation ist jedoch nicht alles. Hinzu kommen müssen entsprechende Rahmenbedingungen. Jedoch bin ich skeptisch gegenüber der Behauptung von Kunter, dass „der Lehrer am Limit“ eine Randerscheinung sei, da nach meiner Erfahrung die wenigsten Lehrerinnen und Lehrer das reguläre Rentenalter erreichen. Auch dazu gibt es repräsentative  Studien.

Ralf Kennis

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