über Schuld

Schätzing, Frank: Limit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011, S. 608 f.

 

(…) denn Joanna schlug ins andere Extrem: Sie empfand so gut wie niemals Schuld. Man mochte ihr deswegen Selbstgerechtigkeit vorwerfen, doch war sie weit davon entfernt, amoralisch zu handeln. Es mangelte ihr einfach am Schuldsein, in das Kinder hineingeboren werden. Vom Tag an, da man das Licht der Welt erblickte, fand man sich im Zustand des Ermahnt- Belehrt- und Ertapptwerdens und notorisch Unrechthabens, war man Urteilen unterworfen und Korrekturen ausgesetzt, die allesamt darauf abzielten, aus einem fehlerhaften Menschen einen besseren zu machen. Der Grad der Verbesserung bemaß sich daran, wie sehr man nach den Vorstellungen anderer schlug, ein Experiment, das nur scheitern konnte. Meist scheiterte es für alle Beteiligten. Begleitet von guten Wünschen und stummen Vorwürfen begab man sich schließlich auf seinen eigenen Weg und vergaß, dem Kind in sich Absolution zu erteilen, das gewohnt war, für Alleingänge gescholten zu werden. Den Kreuzgang des „Ich muss, ich sollte, ich darf nicht“ durcheilend gelangte man nie irgendwo anders als dorthin, wo man vor langer Zeit losgelaufen war, ganz gleich, wie alt man dabei wurde. Ein Leben lang sah man sich durch die Augen anderer, maß sich an den Maßstäben anderer, bewertete sich am Wertekanon anderer, verurteilte sich mit der Empörung anderer, und nie genügte man.

Nie genügte man sich selbst.“

 

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