Archive for Juni, 2014

zur aktuellen Diskussion über Schulleiter

Mittwoch, Juni 25th, 2014

Wieder mehr Kollegialität wagen

Den meisten Schulleitern fehlt es nicht an Managementqualitäten, sondern, im Gegenteil, an Sozial- und demokratischer Kompetenz. Eine „produktive Lernumgebung“ zu schaffen, gelingt leider selten, weil Qualitäts- und sonstiges Management, Evaluationen sowie äußere Strukturreformen ein Übergewicht in der Schulleiteraus- und Weiterbildung und in der täglichen Praxis einnehmen. Spätestens seit Hattie wissen wir jedoch, dass die „emotionale Seite“ (Respekt, Wertschätzung, Fürsorge, Vertrauen) ausschlaggebend für gelungenen Unterricht ist. Es liegt auf der Hand, dass o.g. Qualitäten auch für ein gutes Arbeitsklima im Schulkollegium sorgen. Zurecht wird die Frage gestellt, warum die Schulverwaltungen trotzdem immer weiter an Strukturreformen festhalten (Zeit Nr. 2 2013).

In den letzten Jahrzehnten folgte ein Dogmatismus dem anderen. Lehrerinnen und Lehrer wurden verschlissen, zuletzt im sog. „Pisa-Schock“, dem eine Welle von schnell und unpräzise am grünen Tisch aufgestellten sog. „Reformen“ folgte. In 10 Jahren 24 dieser sog. Reformen in Berlin zu bewältigen, überfordert heute noch viele Kollegien und brachte hunderte von Pädagogen an ihre Leistungsgrenze. Nicht umsonst titeln die Medien im Herbst 2012, die Lehrer endlich einmal in Ruhe arbeiten zu lassen. Jede neue Ideologie wurde als die beste Methode bzw. Didaktik angepriesen. und von den Schulverwaltungen durchgesetzt.

Unumstritten ist der Wohlfühlfaktor bei den Mitarbeitern für eine erfolgreiches Vorankommen einer Firma bzw. einer Schule. Stattdessen setzen Schulverwaltungen auf Qualitätsmanagement in neuen Organisationsstrukturen, indem sie sich am Management der Wirtschaft orientieren. Das kann im Rahmen der allgemeinen Bildung innerhalb von Schulen, wo man es mit heranwachsenden Menschen zu tun hat, nicht gut gehen. In den Bildungsministerien wundert man sich, warum die Strukturreformen nicht greifen und beauftragt die medizinische Fakultät von Universitäten zur Einrichtung von Instituten für die Lehrergesundheit. Solange Schulleiter ihre Gesamtkonferenzen (Konferenz aller Lehrerinnen und Lehrer sowie Vertreter der Eltern und Schüler) übergehen und selbstherrlich entscheiden, kann kein Vertrauen im Kollegium entstehen und die Optimierung von Ressourcen bleibt ein schöner Traum. Viele Schulleiter sehen sich als Erfüllungsgehilfen der jeweiligen Schulverwaltungen, was nicht ihre Aufgabe ist. Vielmehr sollten sie alles daran setzen, ihre Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen in einem nicht leichten Beruf. Anstatt sich als Kollege zu verstehen, sich vor das Kollegium zu stellen als Primus inter Paris stellen sie die disziplinarische Verfügungsgewalt in den Vordergrund. Solange Schulleiter auf diese Weise agieren, kann kein echtes Schulleben entstehen, kann nicht Freude am Beruf und Engagement erwartet werden. Von einer „kollegialen Schulleitung“ wie wir sie vor einigen Jahren noch hatten, kann heute keine Rede mehr sein. Dafür ist ein Mangel an demokratischen Kompetenzen festzustellen. Dieses Phänomen hat ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Dimension und stellt eine besorgniserregende Entwicklung dar, einen Rückschritt in autoritäre Führungsstrukturen und das angesichts einer Wirtschaft, die immer mehr auf Kooperation, Teamfähigkeiten und Mitsprache von Seiten der Mitarbeiter setzt. In Schule und Unterricht geht es immer um Vorbilder, wo junge Menschen lernen sollen, in wertschätzender demokratischer Weise miteinander umzugehen.

Kinder, insbesondere in der Pubertät, „funktionieren“ nicht wie von den Erwachsenen erwartet. Diese allgemein bekannte Tatsache trifft jedoch in gleicher Weise auf kritisch denkende, mündige Erwachsene zu. Dem muss eine gute Führungskraft Rechnung tragen. Motivation und Interesse (am Unterrichtsstoff) lassen sich nicht herbeizwingen. Es liegt auf der Hand, dass auch bei Erwachsenen ein autoritäres Sanktionssystem eher auf Widerstand als auf Zustimmung stößt. Vertrauen schaffende Maßnahmen, Verständnis, eine Kultur der Wertschätzung wieder neu zu etablieren zählen zu den Hauptaufgaben zukünftiger Führungskräfte, will man die Zeit nicht verschlafen.

Diese Kompetenzen zu stärken, die in einigen Bereichen unserer Gesellschaft Mangelware geworden zu sein scheinen, zählen im Ethikunterricht der Berliner Schule zu den erlernenden Schlüsselqualifikationen. Sie sollten eigentlich in jedem Unterricht Vorrang vor der Erfüllung festgeschriebener sog. Standards oder Lehrpläne haben. Auf diesen Kompetenzbereich kann nirgends in der Wirtschaft mehr verzichtet werden.

Auf einem Berufsfeld, wo es keinen Druck zur Erhaltung der Wirtschaftskraft gibt, sondern wo emotionale Kompetenzen ausschlaggebend für Erfolg sind (Hattie), auf das Gegenteil, auf immer mehr Evaluationen, die als zusätzlicher Stressfaktor verstanden werden (die Arztpraxen sind voller Schüler und Lehrer) zu setzen, ist der falsche Ansatz. Das unmittelbare Feedback durch die Lehrperson

Die Schulleitung, die in den meisten Schulen aus mehreren Personen besteht, sollte ein gern gesuchter Anlaufpunkt für die Probleme der Lehrerinnen und Lehrer sein, wo man in kollegialer Zusammenarbeit nach Lösungswegen sucht. Natürlich soll eine gute Schulleitung abwägen können müssen zwischen den konkurrierenden Interessen der Lehrer als auch der Schüler sowie deren Eltern und nicht sich auf eine Seite schlagen weil dies gerade bequemer erscheint. In Deutschland sollte wieder zurückgekehrt werden zu einem kollegialen Miteinander zwischen Schulleitung und Kollegium, um die aktuellen Herausforderungen der Schulen effektiver bewältigen zu können.

Die Motivation, Verantwortung zu übernehmen, ist bei vielen jungen Lehrerinnen und Lehrern vorhanden, jedoch sind allzu rigide Verwaltungsstrukturen und Vorgaben und ein immer größer gewordener Aufgabenbereich eher ein Hinderungsgrund für junge Lehrer geworden, sich für eine Schulleiterstelle zu bewerben. Die vielen seit Jahren offenen Stellen sprechen eine deutliche Sprache. Zudem sind die Aufstiegsmöglichkeiten im Lehrerberuf so gering wie in kaum einem anderen Bereich. Unter Anderem ist der Mangel an Führungspersonal in deutschen Schulen auch daraus erklärbar. Die Gesellschaft braucht dringend gute, verständnisvolle Pädagogen.

Ralf Kennis, 40 Jahre Lehrer für Französisch und Ethik i.R., 30 Jahre Rektor (Fachbereichsleiter Sprachen an Berliner Gesamtschulen), Tätigkeit in Lehreraus- und Weiterbildung, Ausbildung von Fachbereichsleitern, 23 Jahre Austausch mit einem Collège in Südfrankreich, 15 Jahre ehrenamtliche Jugendarbeit, internationale erziehungswissenschaftliche Forschungstätigkeit, Mitglied von eduforunity.org, Veröffentlichungen in ww.kennis.de

über Schuld

Mittwoch, Juni 25th, 2014

Schätzing, Frank: Limit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011, S. 608 f.

 

(…) denn Joanna schlug ins andere Extrem: Sie empfand so gut wie niemals Schuld. Man mochte ihr deswegen Selbstgerechtigkeit vorwerfen, doch war sie weit davon entfernt, amoralisch zu handeln. Es mangelte ihr einfach am Schuldsein, in das Kinder hineingeboren werden. Vom Tag an, da man das Licht der Welt erblickte, fand man sich im Zustand des Ermahnt- Belehrt- und Ertapptwerdens und notorisch Unrechthabens, war man Urteilen unterworfen und Korrekturen ausgesetzt, die allesamt darauf abzielten, aus einem fehlerhaften Menschen einen besseren zu machen. Der Grad der Verbesserung bemaß sich daran, wie sehr man nach den Vorstellungen anderer schlug, ein Experiment, das nur scheitern konnte. Meist scheiterte es für alle Beteiligten. Begleitet von guten Wünschen und stummen Vorwürfen begab man sich schließlich auf seinen eigenen Weg und vergaß, dem Kind in sich Absolution zu erteilen, das gewohnt war, für Alleingänge gescholten zu werden. Den Kreuzgang des „Ich muss, ich sollte, ich darf nicht“ durcheilend gelangte man nie irgendwo anders als dorthin, wo man vor langer Zeit losgelaufen war, ganz gleich, wie alt man dabei wurde. Ein Leben lang sah man sich durch die Augen anderer, maß sich an den Maßstäben anderer, bewertete sich am Wertekanon anderer, verurteilte sich mit der Empörung anderer, und nie genügte man.

Nie genügte man sich selbst.“

 

Pisahysterie

Mittwoch, Juni 25th, 2014

zur aktuellen Pisastudie

„The more students are grouped by ability, the lower their motivation to learn.“ (Dylan, William, renommierter britischer Erziehungswissenschaftler zur Pisa-Studie auf Twitter). Schwächen dieser Studie zeigt auch der Bildungsforscher Prenzel auf (Zeit Nr. 50, S. 86 f), wenn er den Auftrag von Pisa in erster Linie beim „messen“ sieht. Es werden ausschließlich kognitive Fähigkeiten gemessen. Soziale Kompetenzbereiche, wie z.B. Teamfähigkeit, die in der Wirtschaft mindestens genauso gefragt sind, können nicht gemessen werden.

Die Beachtung der Ergebnisse der Pisa-Studie in Deutschland ist total überzogen. Nach dem „Schrei des Entsetzens“ und dem so genannten „Pisa-Schock“ vor zwölf Jahren setzte eine regelrechte Pisa-Hysterie ein. In 10 Jahren setzte die Berliner Schulverwaltung Schüler, Lehrer und Eltern mit über 24 strukturellen Reformen unter erheblichen Druck, was teilweise krank machte. Nachdem immer mehr Lehrerinnen und Lehrer krank wurden, sahen sich die Schulverwaltungen einiger Bundesländer gezwungen, etwas für die Gesundheit dieser Berufsgruppe zu tun, um ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Fürsorgepflicht nachzukommen. Ganze Institute widmen sich aktuell der Lehrergesundheit.

Erst vor Kurzem bewies Hattie in seinen Metastudien, dass nicht Strukturreformen, sondern der Lehrer ausschlaggebend für den Lernerfolg sei. Hattie spricht von Empathie, Zuwendung, Verständnis und einem guten Feed-Back, während die deutschen Reformer am grünen Tisch Maßnahmen aus dem Wirtschaftsmanagement bemühten wie z.B. Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement, was m.E. auf die Schule angewandt vollkommen verfehlt ist, weil es im Umgang mit Heranwachsenden andere Kriterien gibt, die wesentlich wichtiger für die Entwicklung Heranwachsender sind. Jetzt euphorisch von einem „Seufzer der Erleichterung“ zu sprechen erscheint sehr übertrieben.

Herr Kerstan disqualifiziert sich selbst (Zeit Nr. 50, S. 85), wenn er den Lehrern bescheinigt, mit den Bildungsstandards nichts anfangen zu können, wo doch die Fachkonferenzen seit Jahren diese Standards im jeweils eigenen Fach umsetzen, ggfs. neu formulieren, sie in Form von Jahresplänen ins Internet stellen (ist alles nachzulesen) und sie den Eltern und Schülern versuchen zu erläutern.